Dass Raffaello nicht unschuldig ist, ist nur zu klar, und auch, dass Silvano dem Mörder nicht vergeben kann. Und kurz scheint es, als würde er das Gnadengesuch genauso wegdrängen wie den Rest seiner Vergangenheit und in seine selbst verordnete Lethargie zurückfallen. Dann aber durchzuckt es ihn. Die Möglichkeit zur Rache, die ihm ein Mörder in Freiheit geben würde und die sich so unerwartet offenbart, flößt ihm neue Lebensenergie ein.

Die dunkle Unermesslichkeit des Todes - das war, was Silvanos Frau in ihren letzten Sekunden sah und angstvoll nach Silvano rufen ließ, während der hilflos an ihrem Krankenhausbett saß. Nun ist er von dem Gedanken besessen, diese gnadenlos dunkle Unermesslichkeit auch diejenigen erfahren zu lassen, die seiner Frau dies angetan haben.

Geradezu unheimlich ist, wie aus einem in sich versunkenen, über Gebühr gealterten Mann plötzlich ein kalt kalkulierender Mörder wird, dem keine Demütigung und keine Gewalt genug sein kann, um Erleichterung im eigenen Schmerz zu finden. Carlotto erzählt diesen Wandel, als sei er ein Naturgesetz. Auf Erlösung aber kann keiner hoffen, das macht den Roman so verdammt real.

Verbrechen und Strafe heißt Dostojewskis Roman über den Mörder Raskolnikoff wörtlich übersetzt. Carlotto zeigt in seinem Roman, dass dieses Paar höchstens als juristisches funktioniert. Die Strafe, die Raffaello erhält, kann gar nicht so groß sein, dass sie die Wunden heilen könnte, die sein Verbrechen im Leben des anderen gerissen hat.

Der Mord wird so schonungslos in seiner brutalen Profanität enthüllt, dass sich kein Sinn aus ihm ergeben will. Und die Dunkelheit des Todes ist so unermesslich, dass keiner, der sie je erfahren hat, auch nur einen Schritt zurückgehen kann in die Helligkeit des Lebens. Das lässt auch die überraschende Wende, mit der Carlotto endet, nur noch umso abgründiger erscheinen.