Forschung dient dazu, das Leben leichter zu machen. Dinge besser ein- und anordnen zu können. Aber eignen sich die gleichen Forschungsinstrumente auch fürs eigene Leben. Und: Kann man die Ergebnisse lyrisch hernach darstellen?  

Nora Gomringer versucht es. Klimaforschung heißt der neue Gedichtband der 28-jährigen gebürtigen Schweizerin, und er ist keineswegs zähe Materie. Sehr ernst, selbstkritisch und oft sehr ironisch analysiert Gomringer Beziehungen, Arbeit, Familie, Gesellschaft. Streng formalistisch ist sie vorgegangen: Eingeteilt wurde in vier Forschungsfelder: Mikro-, Meso- und Makroklima sowie "Wetter und Wandel". Parameter sind die prägenden Konstanten im Leben: geliebte und bewunderte Menschen, Lieblingsorte, Zeiten.

Die Liebe ist das größte Thema, vor allem im Mikroklima. All der Schmerz, den sie bereitet, wird mit Hilfe einer angenehm reduzierten Pflanzen-Symbolik oder einem sachlichen Diplomaten-Vokabular beschrieben. Das Herz vergleicht Gomringer mit einer Artischocke, die zwar "staunend wahrgenommen wird ob ihrer Größe", die man aber auch schnell schälen und Schicht um Schicht freilegen kann. So viel Aufhebens um ein Ding, das durch Aussähen und Pflanzen vielfach reproduzierbar ist, muss doch nicht sein, will die Autorin sagen – wenn da nicht die Tatsache wäre, dass es um das eigene Beet geht. "Für unsere Innigkeit" zitiert den Kampf der Geschlechter mit dem Bett als Schauplatz der Auseinandersetzungen und der Sprache als Mittel, mit dem die Beziehung am Leben erhalten wird.

Es handelt sich immer um sehr konkrete Situationen – Gomringers Spezialität ist, den Gefühlen nachzufühlen und ihre Veränderung genau zu erfassen. Damit wird stets auch die Geschichte oder die Zukunft des jetzigen Zustands mittransportiert. So wird die Romantik der ersten Liebe als unerfüllte Liebe entlarvt, die ein grässliches Warten nach sich zog, während der Sandkuchen verwehte und das Springseil verrottete – die Hoffnung aber blieb.

Auch Politisches dringt durch einige von Gomringers Zeilen. Das mit Lehrling betitelte Gedicht stellt die Arbeit eines Sanitärfach-Lehrlings der einer Akademikerin gegenüber. Der eine richtet die Wohnung her, in die die andere zieht. Fast meint man als Leser, das Muster der Kacheln ertasten und die Renovierungsgerüche wahrnehmen zu können.

Was bleibt, ist nicht die angenehme Vorstellung, eine helle, große Altbauwohnung vielleicht selbst einmal mit Leben zu erfüllen. Sondern das schale Wissen um das Verhältnis von gut und schlecht bezahlter Erwerbstätigkeit und den Unterschied zwischen Hand- und Kopfarbeit. Überhaupt scheint das Gomringers Thema zu sein, mit dem sie Ungerechtigkeit ausdrücken will, denn das Leben von Handwerkern, Bäckern und Fleischereifachverkäuferinnen kommt öfter vor.