Rigide und einfühlsam gegen Schulschwänzer

Wie richtige Problemschüler sehen Jan, Milana und Steffen* eigentlich nicht aus. Sie sitzen an diesem Morgen einer neben dem anderen in einem Klassenzimmer in Billstedt und warten auf den Beginn des Unterrichts. Vor ihnen liegen lose Blätter mit Dreisatz-Übungen. Mathematik. "Ich bin hier total unterfördert", sagt Steffen. Steffen weiß, dass das so nicht stimmt. Er lacht.

Steffen hat ADS, das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom, außerdem Erfahrungen mit Drogen und er kann sich nur schwer unter mehreren Jugendlichen gleichzeitig aufhalten. Der 16-Jährige redet völlig offen darüber. Seit einem Monat kommt er täglich für eineinhalb Stunden nach Billstedt in "seine" Schule. Seine Schule heißt Rebus und ist eine von 15 regionalen Beratungs- und Unterstützungsstellen in Hamburg. Rebus tritt auf den Plan, wenn alles andere nicht hilft, wenn die Schule an ihre Grenzen stößt.  Lehrer, Psychologen und Sozialpädagogen kümmern sich hier um Schulverweigerer. Knapp eineinhalb Stunden Unterricht täglich. Eine Dreiviertelstunde Mathe, danach Musik, dazwischen Rauchpause. Mehr geht im Moment nicht.

Steffen, Jan (13) und Milana (15) sind an einem Punkt angelangt, an dem mit Schulzwang nicht mehr viel zu machen ist. Nur in geringen Dosen zugeführt, kann Schule funktionieren. Geringe Dosis heißt wenig Stoff, wenig Mitschüler und viele Lehrer. An diesem Morgen kommen auf die drei Jugendlichen zwei Pädagogen und eine Praktikantin. "Hier im Osten Hamburgs haben wir ein großes Problem mit Arbeitslosigkeit, überdurchschnittlich viele Sozialhilfeempfänger und eine hohe Kriminalitätsrate", sagt Thomas Juhl, Chef von Rebus in Billstedt.

Seit drei Jahren haben er und seine Kollegin Gabriele Reichert sehr viel um die Ohren. Das Jahr 2005 stellt in Hamburg eine Zäsur im Umgang mit Schulverweigerern dar. Es ist jenes Jahr, in dem das siebenjährige Mädchen Jessica tot in einer Wohnung aufgefunden wird. Verhungert, von den Eltern gefangen gehalten. Damals wurde auch Kritik an den Schulbehörden laut. "Ruhe gibt’s heute erst, wenn wir das Kind gesehen haben", sagt Juhl. Vieles hat sich seither geändert: Fehlt ein Kind in der Schule, kommt eine regelrechte Maschinerie in Gang, ein engmaschiges Netz gegenseitiger Kontrolle wird geknüpft - noch am selben Tag. Eine Richtlinie schreibt den Schulen vor, was zu tun ist, wenn Kinder fehlen.

Das beginnt bei der täglichen Überprüfung in jeder Unterrichtsstunde, dem Versuch, die Kinder telefonisch zu erreichen, und gelingt auch das nicht, ist der Schule ein Hausbesuch zwingend vorgeschrieben. Wenn das alles nicht hilft, gibt die Schule den Fall an Rebus ab. "Wir benachrichtigen dann sofort das Jugendamt." Am Ende dieser Kette kann die Anordnung von Bußgeld und in einzelnen Fällen auch der Arrest des Jugendlichen stehen.

So verbüßte gerade eine 19-Jährige aus Mönchengladbach eine Woche Arrest. Der Grund: Die junge Frau hatte immer wieder unentschuldigt in der Berufsschule geschwänzt. Deshalb hatte sie das Amtsgericht im Sommer 2007 zu 16 Arbeitsstunden oder ersatzweise 179 Euro Geldbuße verurteilt. Die damals gerade 18-Jährige leistete weder die Arbeitsstunden ab, noch zahlte sie die Geldbuße. Ein Jahr später zogen die Behörden Konsequenzen: Die zuständige Jugendarrestanstalt schrieb sie zur Festnahme aus.

In Hamburg, versichert Reichert, bleibt Arrest für Jugendliche die Ausnahme. Geldstrafen gehören da schon eher zur Regel: Allein 2008 wurden in Hamburg 21.800 Euro Bußgelder erlassen und 123 Haussuchungen durchgeführt. Zu rigide? Zu viel Wind um ein Problem, das mindestens so alt ist wie die Schulpflicht selbst?

Rigide und einfühlsam gegen Schulschwänzer

Juhl sagt nein. "Es ist ein System, das nach außen rigide auftritt, das im Inneren aber einen stark integrativen Auftrag hat." Schulbesuche, Gespräche mit Eltern und Schülern sowie Förderunterricht für die Schüler in Kleinstgruppen.

Ein Vergleich mit anderen Bundesländern ist nur schwer möglich. Bildung ist Ländersache und daher auch der Umgang mit jenen, die ihr den Rücken zukehren. Wie ein Flickenteppich ziehen sich die einzelnen Schulverweigerer-Projekte über die Bundesrepublik. Immer wieder gibt es neue Meldungen über Arreste, neue Lösungsansätze und gescheiterte Versuche.

Jüngst empörte sich die Öffentlichkeit in Berlin über Pläne der SPD Neukölln, welche auch den Entzug des Sorgerechts ermöglicht hätten. Oder Göttingen: Hier hatte das Verwaltungsgericht beschlossen, einer Flüchtlingsfamilie aus dem Kosovo die Aufenthaltsgenehmigung zu entziehen. Der Grund: Die Kinder schwänzten ständig die Schule. Eine Datenbank des deutschen Jugendinstituts in München zählt 57 unterschiedliche Schulverweigerer-Projekte über ganz Deutschland verteilt.

Ein Vergleich soll zeigen, welche Projekte erfolgreich sind und welche nicht. Doch was muss mit Steffen, Jan und Milana geschehen, damit man von einem Erfolg sprechen kann? "Wir haben eine ganz miserable Erfolgsquote, wenn man Erfolg daran messen würde, wie viele Jugendliche wieder zurück in eine Regelschule gehen." Ziel dieser jungen Leute muss es sein, die Berufsfähigkeit zu erlangen.

Juhl weiß auch, wie dies gelingen könnte. "Wenn wir diese Jugendlichen nicht marginalisieren wollen, brauchen wir Arbeits- und Ausbildungsplätze."  Und sie brauchen vor allen Dingen eines: Zeit. Zeit, um sich an die Herausforderungen des Alltags zu gewöhnen. "Die Vielfalt an Talenten, an Begabungen und schönen Gesichtern ist immer noch groß", sagt Reichart. "Aber was ich nicht verstehen kann, ist, dass für diese Menschen überhaupt kein Platz da ist." Steffen und Milana glauben, ihren Platz schon noch zu finden. Steffen möchte Schauspieler wie Brad Pitt und Milana Hotelfachfrau werden. Nur zurück in die Schule wollen sie beide nicht.

*Namen von der Redaktion geändert