Barack Obama ist ein historischer Sieg gelungen. Er hat ein Wunder vollbracht. Ein Wunder? Warum eigentlich? Der offensichtlich talentiertere Kandidat hat die amerikanische Präsidentschaftswahl für sich entschieden. Er hat alles richtig gemacht. Er hat in den letzten 20 Monaten immer die richtigen Worte und den richtigen Ton gefunden, und er hatte damit Erfolg.

Man stelle sich vor, Obama hätte keine dunkle Hautfarbe und keinen fremd klingenden Namen. Der selbe Kandidat mit diesen Talenten in Weiß, gegen einen alten Krieger und eine Vizekandidatin, die als eine Verhöhnung der Frauenbewegung gilt – hätte er andere, bessere oder schlechtere Chancen gehaben? Nein, nach acht Jahren George W. Bush hätte es keiner Finanzkrise bedurft, um einen solchen Mann ins Weiße Haus zu befördern.

Das Privileg, ohne Charisma und Grips ins Machtzentrum der westlichen Welt einziehen zu dürfen, wird wohl noch für lange Zeit das Privileg des weißen Mannes bleiben. Die alte Weisheit, dass man als Frau oder als Angehöriger einer ethnischen Minderheit doppelt so viel leisten muss, um in vergleichbare Positionen zu gelangen, wurde durch die Wahl Obamas bestätigt.

Die eigentliche Leistung Obamas besteht aber in etwas ganz anderem. Denn eine Eigenschaft tritt besonders hervor: sein beherrschtes Auftreten. Selbst im Moment seines Triumphs wirkte er cool. Es scheint, als müsse er ein bestimmtes Bild vom schwarzen Mann widerlegen, ein Bild, das den größten Stolperstein auf dem Weg ins Weiße Haus darstellte: das Bild vom "angry black man", das Bild eines emotional oder sogar aggressiv agierenden Mannes. In der Angst vor dem wütenden schwarzen Mann steckt natürlich das Wissen darum, dass es nicht nur historische, sondern sehr aktuelle Gründe für Afroamerikaner gibt, wütend zu sein.

Obamas größte psychologische Leistung, die ihn erst für breite weiße Schichten wählbar gemacht hat, ist die Tatsache, dass er durch sein Auftreten gleichsam hat vergessen lassen, dass er ein Schwarzer ist. Das Auftreten Obamas – und dazu gehört auch die Überbetonung einer "weißen" Kultivierungsseite und das Vermeiden jeglicher afroamerikanischen ethnischen Attitüden – vermittelt die Botschaft, dass sich hier einer eben nicht in einer ethnischen Gruppe verortet.

Wenn wir vor diesem Hintergrund den Blick nach Deutschland wenden, sehen wir im Kern etwas Ähnliches. Wir haben zwar in Deutschland eine Frau zur Bundeskanzlerin gewählt, die keine offensichtlichen herausragenden Befähigungen zu haben scheint – wenn wir von der Tatsache absehen, dass es ihr gelungen ist, die Jungs in ihrer Partei kaltzustellen.