Unter Amerikas Konservativen ist eine Art Bürgerkrieg ausgebrochen. Einer gegen alle, alle gegeneinander. Die Frage lautet: Wer trägt Schuld an der dramatischen Wahlniederlage? In der Debatte um die historische Wahrheit bilden sich drei Fraktionen heraus: die Trotzköpfe, die Traditionalisten und die Reformer.

Angeführt von einigen Rechtsintellektuellen argumentieren die Trotzköpfe, die Niederlage sei eine Mischung aus Pech und Unvermögen. Die Partei sei aber gesund. Man könne die Niederlage mit einem Datum versehen, dem 15. September, jenem Tag, an dem die Investitionsbank Lehman Brothers kollabierte und eine Panik auslöste, schreibt Charles Krauhammer. Zuvor habe McCain vorn gelegen, danach Obama. Dazu kämen ein unpopulärer Präsident und ein paar Fehler im Wahlkampf – schon seien die Ingredienzen einer Niederlage beisammen. Wer Krauthammer folgt, muss nicht reformieren, nur warten.

Daran glauben aber die Traditionalisten keineswegs. Beheimatet in der Parteirechten, meinen sie, die Partei habe die Werte des Reagan-Konservatismus verraten und müsse sich nur auf die Grundprinzipien eines klassischen Minimalismus zurückbesinnen. Die Reformer rund um das Rechts-Intellektuellen-Blatt National Review glauben, Reagan sei tot und auch nicht wiederzubeleben. Die Republikanische Partei, soeben vom Wähler fundamental abgestraft, dürfe nicht weniger tun, als sich selbst neu zu erfinden. Vom Ausgang dieser Schlacht um die Interpretationshoheit dürfte abhängen, wer die Führung der Partei übernimmt und wie lange der Aufenthalt in der Ödnis der Opposition sein wird.

Freilich sind nicht alle Theorien gleich. Seit Tagen tröpfeln immer neue Daten über Details des Wahlausgangs aus den Computern heraus. Und die mikroskopische Betrachtung des Stimmverhaltens ermöglicht Schlüsse über die Lage der Konservativen, die ihre parteiinterne Debatte informieren sollten.

Barack Obama hat John McCain mit 6,5 Prozentpunkten Abstand geschlagen. Das ist deutlich, aber nicht völlig ungewöhnlich. Bill Clinton schlug den älteren Bush 1992 ähnlich hoch. Jimmy Carter hatte 1976 im Kongress einen noch größeren Vorteil im Kongress als Barack Obama. Aber es ist die Art und Weise, wie und wo John McCain verlor, die Konservative beunruhigen muss. Es lohnt der Blick auf Minderheiten, junge Leute, besser Gebildete und Vorstädter.

Die Minderheiten. Natürlich sind die Schwarzen Obama zugeflogen. Die Republikaner hatten keine Chance. Aber das haben sie seit Jahrzehnten nicht. Dass 95 Prozent Obama wählten, ist eine graduelle Verschiebung, aber keine Überraschung angesichts eines schwarzen Kandidaten.

Wichtiger ist die Mobilisierung und Wählerwanderung der Latinos. Seit Langem gelten sie als der ruhende Riese der amerikanischen Politik. Diesmal ist der Riese erwacht. Die Zahl der Latinos, die zur Wahl gingen, wuchs um ein Viertel. 67 Prozent stimmten für Obama, 31 Prozent für McCain. Der Abstand ist 14 Prozent größer als vor vier Jahren. Mit einiger Sicherheit waren die Latinos einscheidend dafür, dass New Mexico, Colorado, Nevada und Florida den Republikanern verloren gingen. In Colorado konnten die Latinos ihren Anteil an den Wählern von 8 auf 13 Prozent erhöhen. Und 61 Prozent stimmten für Obama. Sogar in Florida gewann Obama 57 Prozent der Stimmen aller Latinos. Seit vielen Jahren ist die Region um Miami Sitz kubanischer Exilanten. Sie wählen verlässlich republikanisch. Doch inzwischen haben sich in Zentral-Florida viele Puerto Ricaner niedergelassen und die Machtbalance verschoben. Vom Latino-Rassimus, der einem Schwarzen die Wahl verwehren könnte, keine Spur. Nach kurzem Flirt mit den Republikanern sind die Latinos zu den Demokraten zurückgekehrt.

Die Ablehnung einer umfassenden Reform des Einwanderungsrechts, wie sie ihr eigenes Parteimitglied George Bush vorschlug, hat den Republikanern schwer geschadet. Wenn es ihnen künftig nicht gelingt, bei den Latinos Boden gutzumachen, werden bei jeder Wahl ein paar Millionen neue Stimmen bei der weißen Mehrheit notwendig sein, um die wachsende demokratische Dominanz bei den Minderheiten auszugleichen. Der Südwesten und Florida würden ansonsten dauerhaft zu den demokratischen Gegenden zählen.