Es war kein Politiker, sondern ein Dichter, der dem rumänischen Volk zurief: "Der Diktator ist gestürzt!" Es war 1989 in Bukarest, als Mircea Dinescu diesen historischen Satz in laufende Fernsehkameras schrie. Rumänien war endlich frei, der Stalinismus Ceaucescus Geschichte. Hinterlassen hatte er einen verwilderten Trümmerhaufen, politisch wie wirtschaftlich, und ein bettelarmes Volk. Aber das hatte schließlich gewonnen. Und damit auch der Dichter Dinescu, ein Jahrzehnt lang Bürgerrechtler, die lauteste poetische Stimme der unterdrückten Rumänen.

Mit 21 Jahren war er schon der Star der rumänischen Literatur, schon ein Volksheld, als wir hierzulande seinen Namen nicht mal buchstabieren konnten. Und dafür musste er einiges hinnehmen: Demütigungen, Morddrohungen, Misstrauen, Argwohn. Ein Regimegegner ist man nicht leichtfertig in einem Land mit tausend Ohren. Viele rumänische Schriftsteller knickten ein, sangen plötzlich Lobeslieder auf den Tyrannen, der das Volk frieren und hungern ließ und Paläste baute, in denen er niemanden empfing.

Dinescus Waffe war die Lyrik. Freiheitsseufzer, Hilfeschreie im Mantel ungebärdiger Volkslieder. Bewaffnet mit Jamben und Trochäen führte er den Kampf gegen den "Märchenriesen Nimmersatt", der ihn seit 1985 mit Publikationsverbot belegt hatte. Eine andere Taktik war der Versuch, ihn mit Preisen ruhigzustellen. Doch Dinescu wütete weiter. Poesie begriff er nicht als Weltflucht, sie war der Wirklichkeit verpflichtet.

Im sowjetischen Rundfunk redete er sich alsbald um Arbeitsplatz und Parteimitgliedschaft. Als er der französischen Zeitung Liberation ein Interview gab, setzte ihm die Regierung den Geheimdienst vor die Tür. April 1989: Hausarrest. Dinescu war ein- und ausgesperrt zugleich.

In Rumänien "läuft die Wahrheit mit zerbrochenem Schädel herum, doch die Schriftsteller eignen sich nicht zum Umgang mit der messerscharfen Realität, weil man sie zu Schönheitschirurgen der Macht bestellt hat." – Worte, wie sie auch in seinen Gedichten zu lesen sind. Sein Zorn, seine Moral und Kombinatorik, der musikalische Strom waren die Stachel im Beton des Regimes. "Rebell vom Dienst", so wurde Dinescu genannt.