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Lange Schlangen an amerikanischen Zeitungskiosken erinnerten am Tag nach der US-Präsidentenwahl an gute alte Zeiten: Jeder wollte ein Exemplar mit der riesigen Obama-Schlagzeile ergattern. Zeitungen kamen mit dem Drucken nicht nach, einige entwarfen spezielle Geschenk-Editionen, die Chicago Tribune verkaufte sogar gerahmte Titelseiten für bis zu 99 Dollar das Stück. "Dies ist ein greifbares Stück Geschichte", erläutert einer der enthusiastischen Käufer. "Das Internet lässt sich ja nicht rahmen."

Dass Web-Journalismus ebenso Geschichte schreiben kann, Artikel auf dem Bildschirm die gleiche Autorität und Endgültigkeit besitzen wie gedruckte, an den Gedanken müssen sich Amerikaner vielleicht schon bald gewöhnen. Gleich zwei renommierte Publikationen, die Tageszeitung Christian Science Monitor und das Nachrichtenmagazin US News & World Report, wollen jetzt weitgehend auf Papierausgaben verzichten. Eine Handvoll Lokalzeitungen hatte diesen Schritt bereits vor Monaten gewagt.

Die Alarmsignale sind unüberhörbar. Bis 2007 verbuchten amerikanische Zeitungsproduzenten einen jährlichen Auflagenrückgang von etwa zwei Prozent, inzwischen sind es durchschnittlich fünf Prozent. Nur zwei der 25 größten US-Zeitungen gelang es, diesen Abwärtstrend zu stoppen: dem wirtschaftlich orientierten Wall Street Journal und dem bundesweiten, bunten Auflagenkönig USA Today. Bei allen anderen schrumpfen Redaktionen und Umfänge. Die gedruckte Zeitung wird somit weniger und weniger attraktiv – ein Teufelskreis, aus dem es angesichts der Wirtschaftskrise keinen Ausweg gibt.

Journalistische Qualität hat für den Christian Science Monitor oberste Priorität. Der Schritt ins Internet gilt deshalb angesichts von fast 19 Millionen Dollar Verlust im vergangenen Jahr als einzig denkbare Lösung. Ab April will die Tageszeitung auf eine per E-Mail verschickte, einfach auszudruckende pdf-Datei umstellen. Zusätzlich wird die kontinuierliche Berichterstattung auf der Webseite ausgebaut.

Ein Mal pro Woche gedruckt

Leser, die ihren gewohnten Monitor nicht missen wollen, können für 89 Dollar pro Jahr eine wöchentliche Print-Ausgabe bestellen. "Es gibt morgens nichts Besseres als eine Tasse Kaffee und eine Zeitung", weiß auch der für die Umstellung verantwortliche Redakteur John Yemma. "Aber früher oder später werden wir uns alle umgewöhnen müssen."

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Die knapp 100 Jahre alte Zeitung ist die perfekte Kandidatin für den Sprung ins Internetzeitalter: Nach dem Motto "Keinen Menschen verletzen, aber die Menschheit beglücken" von einer Kirche in Boston als wohltätige Organisation gegründet, besetzt das Hintergrund- und Analyseblatt eine feste Nische in den USA. Ihr kostspieliges, weltweites Korrespondenten-Netz wurde mit sieben Pulitzer-Preisen belohnt.

"Anomalie des Journalismus"

Doch der Monitor kann sich keinen eigenen Vertrieb leisten, die mit der Post verschickte Zeitung kommt in entlegenen Ecken des Landes erst mit zwei oder drei Tagen Verspätung an. Von daher war sie laut New York Times sowieso schon eine "Anomalie des Journalismus".

Während die Leserschaft in den vergangenen 40 Jahren von damals 220.000 kontinuierlich auf derzeit 52.000 zurückging, verzeichnet die Webseite immerhin 1,5 Millionen Besucher pro Monat. "Einige mögen denken, dass das Internet dieser altehrwürdigen Zeitung den Todesstoß versetzt hat", kommentiert die Computerzeitung PC World. "Doch die Umstellung ist nichts als die Evolution des modernen Journalismus, ein logischer und progressiver Schritt."

Auch die ewige Nummer drei der politischen Wochenmagazine, US News & World Report, ist nicht ganz freiwillig zum Internet-Pionier geworden. Erst vor fünf Monaten kündigte der Eigentümer, Immobilien-Magnat Mortimer Zuckerman, der im Gegensatz zur Konkurrenz keinen finanzkräftigen Medienkonzern im Rücken hat, eine zweiwöchige Erscheinungsweise an. Jetzt verlegt sich das Magazin ganz auf das Internet. Nur noch die immens populären Ranglisten von Krankenhäusern, Universitäten, Autos und Altenheimen sollen ein Mal im Monat als Print-Version zu haben sein.

Nachrichtenmagazine sind aufgrund ihrer nationalen Verbreitung vom Werbebudget großer Konzerne abhängig. Hier spielt also die Wirtschaftskrise eine sehr viel größere Rolle als die viel besungene Kleinanzeigen-Konkurrenz durch das Internet. Auflagen- und Anzeigenschwund des US News & World Report verdeutlichen, dass sich das Magazin in seiner jetzigen Form nicht halten kann: Das Werbeaufkommen fiel dieses Jahr um 32 Prozent, während die Konkurrenten Time und Newsweek nur 25 beziehungsweise 23 Prozent weniger vermeldeten.

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Die Auflage ging um 10 Prozent auf 1,8 Millionen zurück, bei Time nur um 0,3 Prozent auf 3,4 Millionen, bei Newsweek um 13 Prozent auf immerhin noch 2,7 Millionen Magazine. Die beiden relativen Neuerscheinungen auf dem Markt, Economist und The Week, schreiben derweil zwar insgesamt schlechtere, aber konstante Zahlen.

Was in Sonderfällen wie Christian Science Monitor und US News & World Report funktionieren mag, ist längst noch kein Allheilmittel. Die große Mehrheit der Zeitungen kann es sich nicht leisten, auf Druckerschwärze zu verzichten. Im Schnitt werden 92 Prozent des Umsatzes mit der Print-Ausgabe gemacht, weitgehend über das Anzeigenaufkommen, in geringerem Maße über die in den USA vergleichsweise günstigen Abonnements. Beim Monitor war dieses Verhältnis genau umgekehrt: jährlich neun Millionen Dollar Umsatz durch Abos, weniger als eine Million durch Werbung.

John Yemma macht, ganz im Sinne seines Zeitungsmottos, aus der Not eine Tugend: "Wir haben den Luxus, jetzt schon den Sprung zu machen, den die meisten Zeitungen in den nächsten fünf Jahren sowieso machen müssen."