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Ist es möglich, dass Großbritannien bald der Europäischen Währungsunion beitreten wird? Vor ein paar Wochen noch hätte man die Frage als überflüssig abtun können. Nichts sprach dafür, dass die störrischen Briten diesen Schritt in voraussehbarer Zukunft erwägen könnten. Dazu war die Abneigung der Mehrheit der Bevölkerung gegen die Preisgabe des Pfundes und den damit verbundenen Verlust nationaler Souveränität allzu ausgeprägt. Eher war der Widerstand gegen den Euro in den letzten Jahren noch größer geworden. Das signalisieren alle Umfragen.

Das kleine Häuflein enthusiastischer Eurobefürworter war dagegen weiter zusammengeschmolzen. Heute überwiegt selbst in Industriekreisen die Ablehnung. An der politischen Front dominieren mehr denn je zuvor die Skeptiker: Die Tories haben sich klar gegen den Euro ausgesprochen, bei Labour wie den Gewerkschaften ist die Skepsis spürbar gewachsen. Seit Beginn des neuen Jahrtausends ist der britische Beitritt eigentlich kein ernstzunehmendes politisches Thema mehr.

Doch die globale Finanzkrise berührt alles und ist dabei, eine völlig neue Situation zu schaffen. Vieles erscheint derzeit möglich, was bis vor Kurzem noch undenkbar war. Großbritanniens politische Landschaft erinnert an die wundersame Welt von "Alice im Wunderland". Nichts ist mehr, wie es einst war. Alle politischen Gesetzmäßigkeiten scheinen aufgehoben. So war Labour stets erpicht auf Steuererhöhungen, doch jetzt will Gordon Brown unbedingt Steuern senken, um die Nachfrage zu stimulieren. Dagegen warnen die Konservativen, bislang stets vom brennenden Wunsch nach niedrigen Steuern getrieben, auf einmal vor solch einem Schritt.

Da kann es nicht weiter überraschen, dass die Finanzkrise nun auch die Debatte über den Euro neu entfacht. Es sind nun einst eher skeptische Stimmen zu vernehmen, die jetzt für die britische Mitgliedschaft in der Währungsunion plädieren. Ganz pragmatisch, ganz sachorientiert, versteht sich, ohne die kontinentaleuropäische Neigung, hehre Ideale zu beschwören, hinter denen sich doch auch nur handfeste Interessen verstecken.

Bislang hatte es durchaus triftige Gründe für Großbritannien gegeben, der Eurozone fernzubleiben. Das Pfund Sterling war in den letzten elf Jahren im Verhältnis zu den Währungen der Eurozone zu stark gewesen. Der britische Leitzins hatte stets deutlich über dem der Eurozone gelegen; auch die ökonomischen Zyklen passten nicht zueinander. Der wirtschaftliche Preis eines Beitritts wäre zu hoch gewesen. Großbritannien besaß die Möglichkeit, flexibel auf die jeweiligen konjunkturellen Erfordernisse zu reagieren und den Leitzins allein im britischen Interesse festzulegen, während die Europäische Zentralbank einen gemeinsamen Leitzins für oft völlig unterschiedliche ökonomische Gegebenheiten in Ländern der Eurozone festsetzte und deshalb zu einer gewissen Immobilität tendierte.

Doch nun sind Eurozone wie Großbritannien in eine tiefe Rezession hineingerutscht, wobei auf der Insel erschwerend ein Crash des Hausmarktes hinzukommt. Der Kurs des Pfundes ist um 25 Prozent gegenüber dem Euro und dem Dollar gefallen. Aus der Sicht Großbritanniens sieht die Welt plötzlich sehr viel unfreundlicher aus. Das Pfund Sterling muss damit rechnen, zwischen den Reservewährungen der Welt, Dollar und Euro, zerrieben zu werden. Über der Insel hängt die Drohung einer ausgewachsenen Pfundkrise, vor der die Opposition bereits warnt.

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Die City von London konnte dank der "Regulierung der leichten Hand", die Gordon Brown konzipiert hatte, trotz fehlender Mitgliedschaft in der Währungsunion zum weltweit führenden Finanzzentrum aufsteigen. Doch ist mehr als fraglich, ob sich diese Position noch halten lässt. Die Zeiten der light touch regulation dürften vorüber sein. Eine neue Ära bricht an, in der strikter reguliert und die Banken einer härteren Aufsicht unterworfen sein werden. Der aufgeblähte Finanzsektor wird abspecken müssen. Was Großbritannien besonders zu schaffen macht. Der Ökonom Willem Buiter von der London School of Economics vergleicht, wenig schmeichelhaft, die Lage Großbritanniens mit der Islands: auch der britische Finanzsektor ist beträchtlich, nämlich viereinhalbmal so groß wie das Bruttosozialprodukt des Landes.

Die Situation ist also äußerst prekär.

Es könnte für die Regierung in London wie für die britischen Banken schwer werden, auf den Finanzmärkten die notwendigen Summen zu leihen, um aus dem Schlamassel herauszukommen. Selbst wenn das schlimmste Szenario ausbleibt - die Flucht aus dem Pfund, drohender nationaler Bankrott und, wie in den Siebzigern, ein Rettungsdarlehen des IWF - es dürfte ungemütlich werden. Für den Ökonomen Will Hutton, der seit Jahren für den Euro-Beitritt plädiert, besteht die beste Chance Großbritanniens darin, sich in die Arme Europas zu flüchten. Ohnehin zeichnet sich ab, dass die Staaten der Eurozone künftig ihre Wirtschaftspolitik sehr viel stärker aufeinander abstimmen werden. Auch das eine Folge der großen Finanzkrise.

Wolfgang Münchau verweist in der Financial Times auf die enormen Hindernisse, die vor einem Beitritt überwunden werden müssten. Womit er nicht einmal Gordon Browns berühmte fünf Tests meint, die der damalige Schatzkanzler aufstellte, um damit Tony Blairs Enthusiasmus für die Europäische Währungsunion auszubremsen. Richtig ist, dass es für den bedrängten Premier sehr gefährlich sein kann, auch nur das Thema Euro-Beitritt anzusprechen: Die Presse ist überwiegend feindselig eingestellt und die öffentliche Meinung ist eben entschieden negativ.

Doch Brown hat eigentlich nichts mehr zu verlieren. Die Krise bewahrte ihm vor dem Sturz durch die eigene Partei, sie gab ihm, ganz überraschend, die Chance auf einen ehrenvollen Abgang von der politischen Bühne, wenn er denn 2010 die Wahl verlieren sollte - womit nach wie vor zu rechnen ist. Brown könnte das Risiko auf sich nehmen und den Briten erklären, warum der Euro die beste Option für die Zukunft darstellt.

Stimmungen lassen sich ändern, zumal angesichts einer globalen Krise, die alles verändert hat. In der Eurozone wird man sich, sollte es zum britischen Sinneswandel kommen, bittere Kommentare über den britischen Egoismus nicht verkneifen. Doch am Ende wird der Kontinent die britischen Nachzügler willkommen heißen. Ihr Beitritt zur Währungsunion wäre ein Triumph - er würde das fortgeschrittenste Projekt europäischer Integration bestätigen und ihm neuen Impetus verleihen.