Cem Özdemir wirkt angespannt. Zu Anfang seiner mit Spannung erwarteten Bewerbungsrede in Erfurt benennt der Kandidat rot-grüne Fehler und lobt den Sachverstand der Partei. Allmählich wird der 42-Jährige lockerer, persönlicher, witziger. Immer wieder brandet Jubel auf. Ein für Grüne-Verhältnisse ordentliches Ergebnis von 79,2 Prozent kann Özdemir am Ende einfahren, deutlich mehr als sein Vorgänger Reinhard Bütikofer vor zwei Jahren. Die Grünen haben Geschichte geschrieben - und den ersten türkischstämmigen Parteichef in Deutschland bestellt.

Özdemir weiß, wie hoch der Erwartungsdruck an ihn auf der Zielgeraden geworden ist. "Ich müsste Euch enttäuschen, wenn Ihr von mir erwartet, dass ich am Montag ein neues Grundsatzprogramm verkünde", sagt er. Mit einem Ritt durch die Grünen-Programmatik demonstriert er, dass niemand unliebsame Überraschungen von ihm erwarten muss.

Mit Charme und einem Schuss Selbstironie redet er über sich selbst, seine Herkunft und seine Ziele. "Ich möchte für eine Gesellschaft kämpfen, in der alle mitgenommen werden", ruft er. "Egal welche Herkunft sie haben, ob ihre Vorfahren aus Kasachstan, aus Anatolien kommen oder ob sie schon gegen die Römer im Teutoburger Wald gekämpft haben."

Claudia Roth hat die Messlatte vorher hochgelegt. Vor Özdemir wird sie für eine fulminante Bewerbungsrede mit 82,7 Prozent belohnt - 16 Punkte mehr als vor vier Jahren. Sie präsentiert sich als Kämpferin für urgrüne Werte, als authentisches und glaubwürdiges Original, als Frontfrau gegen eine "Sozialdemokratie mit Burn-Out-Syndrom".

Noch ist nicht ausgemacht, ob für die Grünen mit Özdemir nun auch eine neue Zeit anbricht. Bütikofer, der Vorgänger und ausgewiesene Stratege, ist der Letzte in der Reihe der Gratulanten. Der Alte mit schwarzem Anzug - der Neue in Sakko, Jeans, offenem Hemd. Frisches Outfit zumindest. Grüne Anti-Atom-Aktivisten schaffen ein leeres Atommüllfass herbei - Roth greift nach den Trommelstäben und haut drauf los. Özdemir wagt eher zaghaft ein paar Schläge. Wie gut sich die beiden ergänzen, wird sich weisen.

Doch die Wellen schlagen gleich hoch. Auch Dutzende türkische Medienvertreter stürmen auf Özdemir ein. Ein wenig dürfte der Mann sogar das Bild Deutschlands in der Türkei positiv beeinflussen. "Yes, we Cem", lautet eine Parole des Tages in Anlehnung an den Obama-Wahlkampf in den USA.