Eine bayrische Blaskapelle vagabundiert durch die Messehalle. Im Triumph ziehen die bayrischen Spitzenkandidaten der Grünen auf die Bühne, lassen sich für ihr Wahlergebnis feiern. Ein Moment der Irritation, ein Moment der Desorientierung, wie es sie auf diesem Parteitag viele gibt. Erst als die Musiker in südamerikanische Rhythmen verfallen, entspannen sich die Delegierten. Sie sind also doch noch links, alternativ, bunt. Zumindest Teile von ihnen. Es sind Mitglieder der Grünen Jugend, die von der Festivalstimmung in Gorleben schwärmen, die pathetisch die Vergangenheit beschwören.

Der 24-jährige Arvid Bell sucht in seiner Bewerbungsrede für den Parteirat nach grünen Werten, möchte einen Politikstilwechsel, möchte Sanftheit in der Politik. Das viertbeste Ergebnis bekommt Bell, mehr Stimmen als Volker Beck, Volker Ratzmann oder eben auch Fritz Kuhn.

Die Grünen sind auf der Suche. Was sie suchen, das wissen sie anscheinend selbst nicht. Wie oft werden an diesem Wochenende Anleihen bei amerikanischen Politikern genommen, Barack Obamas Kraft strahlt bis in die Erfurter Messehalle. Von Al Gores Klimaprogramm ist die Rede, ja selbst John F. Kennedys Apolloprogramm wird Namensgeber für einen energiepolitischen Antrag. Freitagabend wird denn auch ein Antrag verabschiedet, der einen Green New Deal postuliert. Im Kern ist dieser New Deal grüne Wirtschaftspolitik, Beschäftigungspolitik durch Innovation, Schaffen von Arbeitsplätzen in grünen Wirtschaftszweigen. Der große Wurf? Darüber lässt sich trefflich streiten.

Streit, die Lust an der harten Auseinandersetzung, scheint den Grünen verloren gegangen zu sein. Was gab es für Querelen im Vorfeld, der Bundesfinanzrat wollte den Haushaltsplan boykottieren, gar ein Gegenkandidat zum Bundesschatzmeister Dietmar Strehl wurde gefunden. Kaum in Erfurt, begannen die Verhandlungen. Samstag war der Kompromiss gefunden, Gegenkandidat Jochen Ruoff hatte seine Bewerbung zurückgezogen. Diese Revolte blieb schon in ihren Anfängen stecken.

Strehl gab in seiner Bewerbungsrede zu: "Früher habe ich in Wackersdorf gekämpft. Auch in Gorleben war ich letztes Wochenende dabei. Doch ich bin nicht mehr in der Lage, 24 Stunden auf der Straße zu sitzen." Für alternde Protestler hatten die Delegierten Verständnis, in der Fragerunde ging niemand auf die finanzpolitischen Probleme im Vorfeld ein. Öffentliche Kritik – Fehlanzeige.

Und dabei ist die Sehnsucht der Grünen genau danach groß. Nach dem, was die Partei einmal ausgemacht hat. Kaum eine Rednerin, ein Redner, der ohne die Straße auskommt. "Es braucht Grüne, die die Pflicht zum Widerstand gegen Unrecht mit Leben erfüllen. Wir gehen in die Bürgerrechtsoffensive, werden auf der Straße kämpfen," so Claudia Roth und betont besonders die Erneuerungsprozesse in ihrer Partei: "Diese Partei ist Teil breiter Bündnisse geworden, das haben wir in Heiligendamm gesehen." Besonders die beiden Kandidaten Sven Giegold und Barbara Lochbihler stehen für diesen grünen Trend. Der ehemalige Attac-Chef und die deutsche Generalsekretärin von Amnesty international wollen über die Grünen in das Europaparlament einziehen.