Es ist ein Allgemeinplatz, dass Bündnis 90/Die Grünen für Überraschungen gut sind. Auch nach sieben Jahren Regierungsverantwortung. Im Vorfeld witterten die Berichterstatter einige Zwistigkeiten. Kurz vor dem Parteitag in Erfurt war die Bewerbung von Lars Willen aufgetaucht. Der auf dem Parteitag nicht anwesende Oldenburger wollte gegen Cem Özdemir als Parteivorsitzender antreten und räumte sich in seinem Bewerbungsvideo auf youtube.com beste Chancen ein.

Auch ein Antrag Hans Josef Fells hatte für Aufruhr gesorgt. Der energie- und technologiepolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion hatte gefordert, den Energiebedarf der Bundesrepublik 2020 zu 100 Prozent mit Erneuerbaren Energien zu decken.

Doch der Streit bekommt an diesem Parteitagswochenende in Erfurt kaum eine Chance, sich zu entwickeln. "Energiewende vorantreiben – Atomkraft stoppen" ist der Tagesordnungspunkt betitelt, in dem der grüne Parteinachwuchs statt inhaltlicher Statements vor allem begeisterte Eindrücke von der Festivalstimmung bei den Protesten in Gorleben beiträgt.

Zweieinhalb Stunden Debatte drehten sich am Freitagabend nur um Prozentzahlen. Renate Künast brachte es auf den Punkt: "Wir wollen alle 100 Prozent Erneuerbare Energien. Die Frage ist nur, wie und wann wir dieses Ziel erreichen können." Am Ende wird ein Kompromissantrag daraus, man einigte sich auf 100 Prozent Erneuerbare Energien im Jahre 2040. Europaweit.

Auch wenn keiner mit einer Demontage Özdemirs gerechnet hatte, die Stimmung der Delegierten war am Samstag morgen skeptisch. Svenja Tidau vom Kreisverband Münster sagte: "Özdemir ist ein guter Vorsitzender, wenn er es schafft, die Partei zu einen. Bei seiner inhaltlichen Ausrichtung habe ich aber die Befürchtung, dass er nicht konsequent genug ist und Positionen verwässern wird. Da darf es aber kein Wackeln geben."

Viele Delegierte formulierten ihre Zustimmung vorsichtig, betonten, dass Özdemir sich einarbeiten müsse. Tobias Lindner, Delegierter aus dem tendenziell konservativeren Landesverband Rheinland-Pfalz: "Özdemir hat einen Findungsprozess vor sich. Gerade beim Thema Kohle hat er gemerkt, wie die Partei tickt."