ZEIT ONLINE: Herr Al-Wazir, Ihr neuer Parteichef Cem Özdemir wirbt für Schwarz-Grün .

Tarek Al-Wazir:
Das ist typische Medienwahrnehmung. Cem Özdemir hat gesagt, er könne sich "im Einzelfall" vorstellen, dass grüne Inhalte mit den Schwarzen besser umzusetzen sind als mit den Roten. Bedingung sei jedoch, dass die Union zum Beispiel in der Atompolitik einen Kurswechsel vollzieht. Und: Alle anderen Parteien seien in der nächsten Zeit unsere Gegner. So viel zur Werbung für Schwarz-Grün.

ZEIT ONLINE: Aber Sie selbst haben doch gesagt, Hessen zeige, dass die "Ausschließeritis" schädlich ist, also das präventive, kategorische Ablehnen von Koalitionsoptionen. Bereiten Sie nicht doch einen Ausbruch aus dem rot-grünen Lager vor?

Al-Wazir: Das Motto unseres Bundesparteitags am Wochenende war, die Politik mit grünen Inhalten zu füllen. Wir sind keine Bindestrichpartei. Wir sind weder rot-grün noch schwarz-grün, sondern Bündnis 90/Die Grünen. Wir kämpfen für unsere eigenen Inhalte. Diese Strategie haben wir schon länger – angesichts der Großen Koalition im Bund blieb uns gar nichts anderes übrig. Auch angesichts der hessischen Verhältnisse hat es sich als dramatisch richtig erwiesen, immer wieder die eigenen Inhalte in den Vordergrund zu stellen.

ZEIT ONLINE: Aber allein werden Sie nicht regieren können, weder in Hessen noch im Bund...

Al-Wazir: Deswegen ist es so wichtig, vorher klar die Inhalte zu benennen, für die man gewählt werden möchte. Und man muss realistisch sein: Wenn die SPD im Bund momentan bei 23 Prozent steht, ist es nicht besonders glaubwürdig, auf Rot-Grün als einzige Option zu setzen.

ZEIT ONLINE: Und in Hessen?

Al-Wazir: Nach der Wahl am 18. Januar stellen sich für uns zwei Fragen. Zunächst: Gewinnt Schwarz-Gelb die Mehrheit? Wenn es für CDU und FDP reicht, werden die regieren. Deshalb ist es für uns vorrangig, so stark wie möglich zu werden. Wenn Schwarz-Gelb nicht die Mehrheit gewinnt, dann sehen wir weiter, getreu unserer Linie seit der Landtagswahl: Die Inhalte entscheiden.

ZEIT ONLINE: Sie schließen also weder eine Jamaika- noch eine rot-rot-grüne Koalition in Hessen aus?

Al-Wazir: Ich schließe aus, dass wir uns an einer Koalition ohne grüne Inhalte beteiligen.

ZEIT ONLINE:Roland Koch wird sich sicherlich generös zeigen und ein paar Programme für regenerative Energien in einen schwarz-gelb-grünen Koalitionsvertrag aufnehmen.

Al-Wazir: Herr Koch weiß doch wirklich nicht, was er will. Im Januar waren wir für ihn die "Kommunistenfreunde". Im Februar hatte er die Mehrheit verloren und wir wurden für ihn wichtig – und plötzlich waren wir viel seriöser als die SPD und für ihn immer schon ein "Bestandteil des bürgerlichen Lagers". Im April wollte er Hessen zum Musterland der regenerativen Energien machen. Als der rot-grüne Koalitionsvertrag Ende Oktober dann stand, nannte er uns die "größten Arbeitsplatzvernichter". Je grüner die Inhalte waren, desto mehr hat er da draufgehauen.