Volle Kraft zurück

Vor wenigen Tagen stellte Elvind Kolding eine erstaunliche Rechnung auf. Jeder Container, den seine Schiffe über die Meere schipperten, bringe derzeit keinen Gewinn, sondern 1000 Euro Verlust, klagte der Chef der größten Reederei der Welt, Maersk. Stimmt das, wäre das ein millionenteures Geschäft: Mehr als 500 Schiffe fahren jeden Tag im Auftrag der Reederei Zehntausende Container um die Welt.

Die Rechnung mag übertrieben sein. Und doch steht fest: Die anstehende Weltrezession wird die Schifffahrtsbranche schwer treffen. Jahrelang profitierten Reeder, Werften und Häfen vom Boom der Weltwirtschaft. Mit deren Wachstum stieg auch die Zahl der Güter, die über die Meere verschifft wurden – im Durchschnitt der vergangenen Jahre um bis zu zehn Prozent. Jetzt bricht die Weltwirtschaft ein und die Güterströme fließen nicht mehr im gleichen Tempo wie bisher. "Die Lage ist problematisch", warnt deshalb Max Johns, Sprecher des Verbands der Deutschen Reeder, der 250 Unternehmen vertritt.

Mit Sorge blickt die Branche vor allem auf die Transportpreise, die sich im Sinkflug befinden. Der Harper-Peterson-Index , der misst, wie viel Dollar die Reeder für den Transport von Handys, Spielwaren und Pullovern bekommen, sank seit Beginn des Jahres um die Hälfte. Zu den jetzigen Preisen ist für viele Firmen der Containertransport nicht mehr kostendeckend. Branchenexperten schätzen, dass derzeit kaum ein Reeder Gewinne erwirtschaftet – von der Stilllegung ganzer Routen ist die Rede, seit der Wachstumsmotor nicht mehr so läuft wie bisher.

Doch wäre es vorschnell, der Wirtschaftskrise hierfür die alleinige Schuld zu geben. Denn die Preise sinken nicht nur, weil die Nachfrage nach dem Transport von Gütern zurückgeht – im Gegenteil: Diese wächst weiter, nur langsamer als bislang.

Vielmehr hat die Branche in den vergangenen Jahren, in denen der weltweite Containerumschlag jährlich um bis zu zehn Prozent zulegte, kräftig Schiffe bestellt. Die kommen nun nach und nach auf den Markt. Mehr Transportmöglichkeiten bedeuten aber auch mehr Konkurrenz – und das drückt die Preise. "Schon vor der Finanzkrise haben die Unternehmen zu viel bestellt", sagt Lemper. "Nun trifft sie die Krise hart."

Volle Kraft zurück

Längst hat in der Branche eine wilde Rabattschlacht begonnen. Die Reeder haben Sorge, ihre Schiffe nicht voll zu kriegen, und senken nun ihre Preise, um überhaupt am Markt zu bleiben. Zwar denken nun einige Unternehmen darüber nach, alte Schiffe schneller als bislang stillzulegen. Aber auch das wird nicht reichen, um den Zuwachs an neuen Schiffen im kommenden Jahr – rund 15 Prozent mehr – auszugleichen. Gleichzeitig sinkt das Wachstum des weltweiten Containerverkehrs im kommenden Jahr einigen Schätzungen zufolge auf sieben Prozent ab – ursprünglich rechnete die Branche einmal mit 12 Prozent. "Eine Trendwende wird frühestens 2010 möglich sein, wenn das Wachstum wieder anzieht", sagt Experte Lemper.

Dann, so glaubt Lemper, dürfte sich auch die Lage an den Finanzmärkten beruhigt haben. Diese machen der Branche ebenfalls zu schaffen. Besondere Probleme bereiten dabei die sogenannten Akkreditive, Bürgschaften von Banken, die nötig sind, um das Risiko beim wochenlangen Transport von Erz, Stahl und Kohle abzufedern. In der jetzigen Krise übernehmen die klammen Kreditinstitute diese seltener; oftmals bleibt so die Ladung in den Häfen Brasiliens oder Australiens liegen.

Möglichweise aber könnte der Markt sich sogar ein Stück weit selbst reinigen. Denn der schwächelnde Kapitalmarkt bringt derzeit zunehmend Werften in die Bredouille, die an neuen Schiffen arbeiten. Die Zwischenfinanzierung der Großprojekte gestaltet sich angesichts der Kreditflaute schwierig. Die Lindenau-Werft in Kiel musste deshalb bereits Bankrott anmelden. Viele Anleger halten sich zudem bei den einst so beliebten Schiffsfonds zurück, weil sie Sorge haben, dass ihre Ausschüttungen im Zuge der Krise sinken könnten.

Beim Verband der Reeder warnt man jedoch vor Panik. In den achtziger Jahren seien die Preise schon einmal niedrig gewesen, heißt es dort, danach habe man goldene Jahre des Booms erlebt. "Wer schon lange im Geschäft ist, hat schon härtere Zeiten durchgemacht", sagt Sprecher Johns.