Mehrere Hundert Exiltibeter haben sich am Montag im nordindischen Dharamsala versammelt, um nach den gescheiterten Gesprächen mit der chinesischen Regierung über eine neue politische Strategie für ihr besetztes Heimatland zu beraten. Das Treffen, an dem auch die tibetische Exilregierung teilnimmt, wurde vom Dalai Lama einberufen, nachdem dieser vor zwei Wochen bekannt gab, dass er nicht mehr an einen Erfolg der Verhandlungen mit Peking glaubt.

"Ich kann nicht vorgeben, dass alles in Ordnung ist, mein Vertrauen in die chinesische Regierung schwindet", hatte der Friedensnobelpreisträger in ungewöhnlicher Offenheit bekannt. Seit Beginn der Aufstände gegen die chinesische Besetzung Tibets im Frühjahr dieses Jahres sieht sich das geistige und religiöse Oberhaupt der Tibeter zunehmender Kritik durch seine Landsleute ausgesetzt. Vor allem innerhalb der Jugendorganisation der Tibeter, dem "Tibetan Youth Congress", wird dem 73-Jährigen vorgeworfen, seine Politik des "mittleren Weges", die auf eine Autonomie Tibets innerhalb der Grenzen Chinas sowie strikte Gewaltfreiheit setzt, habe zu nichts geführt.

Das Treffen in Dharamsala, das bis zum 22. November andauern wird, soll nun Klarheit darüber bringen, wie es weitergehen soll. "Ich setze große Hoffnungen auf die Konferenz" sagt Yeshi Karma, Mitglied des tibetischen Exilparlaments, ZEIT ONLINE am Telefon. "Es geht darum, dem Dalai Lama und der Exilregierung den Rücken zu stärken, das tibetische Volk zu einen und einen Aktionsplan zu entwerfen, wie das Leiden der Tibeter in Tibet gelindert werden kann." Auch Tshering Chonzon, die für die Heinrich-Böll-Stiftung in Delhi den Prozess beobachtet, wertet das Treffen als "Meilenstein in der demokratischen Entwicklung der tibetischen Diaspora".

Doch dass kann nicht darüber hinweg täuschen, dass die Tibeter kaum Handlungsoptionen haben, nachdem Peking vergangene Woche die Gespräche mit der Exilregierung für gescheitert erklärte – nicht ohne dem Dalai Lama – der gar nicht daran teilnahm – alle Schuld zuzuweisen. Dabei war der Dialog von Anfang an eine Totgeburt. Die chinesische Regierung hat sich, nach den gewalttätigen Zusammenstößen zwischen Tibetern und chinesischer Polizei vor den Olympischen Spielen im August, in Peking nur auf Druck der internationalen Gemeinschaft an den Verhandlungstisch begeben und machte bereits im Vorfeld klar, dass sie zu keinerlei Konzessionen bezüglich der Tibetfrage bereit sei.

Seit dem Einmarsch der chinesischen Volksbefreiungsarmee in Tibet 1951 beharrt Peking darauf, dass Tibet ein integraler Teil Chinas ist. Der Dalai Lama, der genau weiß, dass er gegen die Übermacht der chinesischen Truppen nichts ausrichten kann, fordert daher für sein Land nicht die Unabhängigkeit, sondern regionale Autonomie innerhalb der Grenzen Chinas sowie Religionsfreiheit für seine buddhistischen Landsleute. Keine dieser Forderungen hat Peking bisher erfüllt.

"Der Mittlere Weg, den der Dalai Lama predigt, ist keine Lösung, er ist ein Ausverkauf", sagt Jigme Yeshe, Vorsitzender des Arbeitskomitees des "Tibetan Youth Congress" in Delhi. "Der Dalai Lama hat mehr und mehr Kompromisse gemacht und nichts von den Chinesen dafür bekommen. Man muss große Forderungen stellen, um kleine Ergebnisse zu erzielen. Wenn wir Unabhängigkeit fordern, kriegen wir vielleicht Autonomie. Der Dalai Lama hat Autonomie gefordert und nichts bekommen."