Tomatensoße in Zeiten der Wirtschaftskrise – Seite 1

Michele macht uns Sorgen. Schließlich haben wir eine Finanzkrise, und jeder weiß, wie er sich zu verhalten hat. Die Menschen kaufen keine Autos mehr. Die Weihnachtsbäume sind schon jetzt knapp. Und der Porschefahrer aus dem Vorderhaus verzichtet auf Bio.

Nur Michele, Inhaber des italienischen Restaurants bei uns an der Ecke, tat, als wäre nichts. Konkret zeigte sich das an der Wand. Jene Wand neben der Durchreiche zur Küche, die Restspuren diverser Ausrutscher mit vollen Tabletts trägt. Ein paar der Flecke sehen bei genauem Betrachten aus wie getrocknetes Blut; und wenn man direkt davor sitzt, muss man genau hinsehen. "Nur Tomatensoße", pflegte Michele beflissentlich und mit hastig aufgesetztem Grinsen zu sagen, und: "Wir streichen bald neu!"

Aber das war damals, bevor jeder von der Finanzkrise sprach, und bevor auch der Obst- und Gemüseladen eine Straße weiter auf einen Schlag sämtliche Investitionen (in nicht welke Kräuter und in nicht faulige Kartoffeln) einstellte.

Als ich Michele jedoch vor einigen Tagen traf, eröffnete er mir strahlend, dass er nun endlich einen Maler wegen der Wand beauftragt habe.

"Trotz Finanzkrise?", fragte ich schockiert.

"Hör mal", sagte er. "Mir geht es darum, dass meine Gäste sich wohl fühlen! Und so teuer ist das auch nicht. Bei der Gelegenheit lasse ich vielleicht gleich alle Wände streichen, das ist sowieso mal wieder fällig ..."

Tomatensoße in Zeiten der Wirtschaftskrise – Seite 2

"Der muss wahnsinnig sein", sagte mein Nachbar, als ich ihm davon erzählte. "Ich verzichte auf neue Hemden und Hosen. In der Firma schaffen wir das Toilettenpapier und die Seife ab und verkaufen die Ledercouch aus der Empfangshalle. Und Michele – investiert. Wer ist heute so selbstmörderisch?"

Im Internet fand ich heraus, dass in der Tat zurzeit niemand investierte, abgesehen von der auf ältere Leute mit Bargeld im Haus spezialisierten Vereinigung illegaler Tür-Trickbetrüger und abgesehen von Bestattungshäusern, die einen verstärkten Klientelanfall erwarteten.

Nun ist es so, dass wir gerne zu unserem Italiener gehen. So gerne, dass es verdammt schade wäre, wenn er sich angesichts der Krise mit einer Fehlinvestition verspekulieren würde und sein Restaurant schließen müsste.

"Michele", sagte ich am Telefon zu ihm. "Du solltest dir genau überlegen, ob sich das mit der Wand lohnt."

"Wieso denn?", fragte er erstaunt.

"Es kommen doch sicher schon viel weniger Gäste, oder?", fragte ich.

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"Nein!", sagte er erstaunt. "Heute ist wie immer alles ausreserviert."

"Aber es werden bald viel weniger Gäste kommen!", insistierte ich.

"Vielleicht", sagte Michele, "wenn ich die Wand nicht endlich streichen lasse!"

Soviel Ignoranz war nicht zu fassen. Am nächsten Abend setzten mein Nachbar und ich Michele auseinander, dass es fatale Folgen für uns alle haben könnte, wenn er mitten in der Krise nicht auf das unsinnige Streichen einer oder gar mehrerer Wände verzichtete. Und dass wir gezwungen wären, uns umgehend ein anderes italienisches Restaurant zu suchen. Eins, das in dieser globalen Krise verantwortungsvoller wirtschaftete.

Michele hatte Tränen in den Augen, als er nach dem vierten Grappa hoch und heilig schwor, den Maler sofort wieder abzubestellen.

Beziehungsweise, ihn nicht anzurufen. "Ich hatte ihn schon fast am Telefon", sagte er, "aber ich habe irgendwie geahnt, dass Ihr dagegen sein würdet ..."