Es gibt keine andere Regel in den Satzungen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und der Deutschen Fußballliga (DFL), die Fußballfans, Funktionäre und die Vereine so spaltet wie die 50+1-Regelung. Sie besagt, dass ein Investor nicht die Anteilsmehrheit an einem deutschen Fußballklub haben darf. Für eine Regeländerung bedarf es einer Zweidrittelmehrheit der Mitgliederversammlung der DFL. Die Mitgliederversammlung will am Freitag eine Entscheidung Pro oder Contra 50+1 fällen. Lesen Sie unten folgend einen Gast-Kommentar "Pro 50+1-Regel", hier lesen Sie die Meinung "Contra 50+1".

"Kinder, die was wollen, krieg‘n was auf die Bollen", lautet ein Sprichwort, das mit zeitgemäßen Erziehungsmethoden zwar wenig gemein hat, die Gedanken vieler Fans aber vortrefflich zusammenfasst, wenn es um die Diskussion über die "50+1"-Regel geht. Ein Kind, Martin Kind nämlich, Präsident von Hannover 96, möchte die Regel abschaffen und seinen Verein öffnen für den Verkauf an Investoren.

Dass man sich angesichts der Finanzkrise darüber überhaupt Gedanken macht, mag überraschen. Ebenso wie die Tatsache, dass ausgerechnet Hannover 96 auf die Idee kommt, attraktiv genug für potente Geldgeber zu sein. Der Verein gehört nicht unbedingt zur Crème de la Crème des deutschen Fußballs. Der VfL Bochum oder Energie Cottbus sind auch nicht langweiliger.

Arne Kazperowski ist Autor des Dortmunder Fanzines schwatzgelb.de © privat

Doch Martin Kind ist entschlossen, und so wird sein Name möglicherweise schon bald für eine Entwicklung stehen, die den deutschen Fußball nachhaltig ändern könnte. Setzt er sich durch, wird derselbe Domino-Effekt eintreten, den es bereits bei der Einführung der Trikotwerbung und der Umbenennung altehrwürdiger Stadien hin zu Sponsoren-Arenen gab. Ein Verein nach dem anderen wird dem Vorbild Hannovers folgen, um neue Geldquellen zu erschließen. Mit dem Ergebnis, dass die alte Hierarchie am Ende wiederhergestellt und die Schere zwischen "armen" und "reichen" Vereinen nur noch ein wenig weiter auseinandergezogen ist. Von wegen Chancengleichheit.

Für die großen und erfolgreichen Klubs werden sich auch die großen und finanzstarken Investoren interessieren. Ob Hannover 96 dann das Schicksal seines Lokalrivalen erleiden wird? Auch Eintracht Braunschweig kam sich seinerzeit innovativ vor, als der Klub – damals noch als Erstligist – die Trikotwerbung einführte, um sich einen finanziellen Vorteil gegenüber den anderen Teams zu verschaffen. Während nun aber die gesamte Fußballwelt bis hinunter in die Niederungen der Kreisliga auf der Brust den Namen ihrer Unterstützer zur Schau trägt, kickt die Braunschweiger Eintracht heute in der Dritten Liga. Dem Zeitgeist zu folgen, das ist die Ironie des Schicksals, hat sich für den Klub auf Dauer nicht rentiert. Man ist versucht – 96-Fans mögen das verzeihen –, auch Kinds Hannover-Projekt eine ähnliche "Erfolgsstory" zu wünschen.