Die Meldung war dann doch eine Überraschung. Wolfgang Clement tritt aus der SPD aus. Die Rüge, die die Bundesschiedskommission der SPD am Dienstag gegen den ehemaligen Bundeswirtschaftsminister ausgesprochen hatte, wollte dieser nicht  akzeptieren. "Unangemessen und falsch" nannte Clement dieses Urteil und gab am Mittwoch früh sein Parteibuch zurück.

Die Parteispitze hat dieser Schritt völlig überrascht. Sie hatte gehofft, den der Konflikt zwischen Clement und Teilen der Parteibasis mit der "vermittelnden Entscheidung" des Parteigerichts beilegen zu können. Schließlich hatten mehrere Ortsvereine Clements Parteiausschluss gefordert, nachdem dieser kurz vor der hessischen Landtagswahl im Januar indirekt zur Nicht-Wahl der SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti aufgerufen hatte. In der Vorinstanz hatte die Landesschiedskommission diesen Anträgen sogar stattgegeben. Die Rüge galt vielen in der SPD deshalb als tragfähiger Kompromiss. Doch über die "Brücke", die Franz Müntefering für Wolfgang Clement gebaut hatte, mochte diese nicht gehen.

Jetzt blieb dem Parteichef nichts anders übrig, als dessen Entscheidung "zur Kenntnis" zu nehmen und zu erklären, Platz wäre für Clement in der SPD gewesen, "aber nun wird es auch so gehen". Ehrliches Bedauern würde anders klingen. Aber vielleicht ahnt der SPD-Vorsitzende ja auch, dass dieser Parteiaustritt der SPD noch eine Menge Schwierigkeiten und Konflikte bescheren könnte.
Wolfgang Clement geht also. Fast vier Jahrzehnte lang war der 68jährige SPD Mitglied, er war vier Jahre Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und drei Jahre Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit. Er war einer der prägenden Sozialdemokraten der  Ära Schröder und hat maßgeblich  zur Umsetzung der Agenda 2010 beigetragen.

Unter Clements Regie wurden in der zweiten rot-grün Legislaturperiode die Arbeitslosen- und die Sozialhilfe zusammengelegt sowie die Zumutbarkeitsregeln für Arbeitslose verschärft. Clement war im Kabinett eine treibende Kraft bei der Umsetzung der Agenda 2010. Und während Schröder die Sache eher pragmatisch anging, widmete sich Clement dieser Aufgabe mit fast messianischem  Eifer. So wurde er gleichzeitig zu einem Feindbild aller Gegner der Hartz-Reformen in und außerhalb der SPD.

Einerseits ist Clements Abschied für die SPD kein Verlust. Die SPD in der Nach-Schröder-Ära, die sich Schritt für Schritt von der seiner Agenda-Politik verabschiedet hatte, war nicht mehr seine SPD. In seien Abschiedsworten warf er seine ehemaligen Partei noch einmal vor, deren Wirtschaftspolitik laufe auf eine "De-Industrialisierung" hinaus. Zu dem kritisierte er, dass die SPD keinen "klaren Trennstrich" zur Linkspartei ziehe.

Nach dem Scheitern der Rot-Grünen Bundesregierung zog sich Clement 2005 verbittert aus der aktiven Politik zurück, er wechselte als Lobbyist  in die Wirtschaft, arbeitete unter anderem für eine Zeitarbeitsfirma sowie für den Energiekonzern RWE. Schon damals hatte sich gezeigt, wie einsam es um Wolfgang Clement in der SPD geworden war.