Der Bundesgerichtshof beschäftigt sich mit Popmusik, und alle sind in heller Aufregung! Endlich wurde ein überfälliges Grundsatzurteil zur Verwendung von Samples – also von Musiksequenzen anderer Künstler im eigenen Werk – beschlossen. Allerdings schützt es eher die wirtschaftliche und organisatorische Leistung des Produzenten als die kreative des Komponisten. Ein Eingriff in die Rechte des Tonträgerherstellers ist nach § 85 Abs. 1 des Urhebergesetzes bereits dann gegeben, "wenn einem fremden Tonträger kleinste Tonfetzen entnommen werden".

Dem Urteil war eine Klage der Düsseldorfer Band Kraftwerk vorausgegangen. Sie hatte den HipHop-Produzenten Moses Pelham beschuldigt, ungefragt eine Schlagzeugpassage aus ihrem Stück Metall auf Metall in dem Lied Nur mir von Sabrina Setlur verwendet zu haben. Kraftwerk bekamen recht – jedoch nur in ihrer Funktion als Tonträgerhersteller. Der BGH bewertete also das wirtschaftliche Risiko der Produktion, weniger den künstlerischen Wert der Aufnahme.

Die Sampling-Frage ist bedeutend für die Zukunft der Popmusik, denn heute wird viel geklaut, recycelt, dekonstruiert und neu kontextualisiert. Wird das Puzzeln fremder Klänge nun schwieriger? Wirklich deutlich sei das Urteil nicht, sagt der Musiker, DJ und Autor Hans Nieswandt auf Deutschlandradio Kultur. Er ist aber davon überzeugt, dass Moses Pelham kreativ mit dem Kraftwerk-Sample umgegangen ist und Neues hat entstehen lassen. Die Möglichkeit, als Musiker diese Kreativität auszuleben, sollte unbedingt gewährleistet bleiben, meint Nieswandt.

Ihm wäre es ein Graus, würden Musiker sich nun massenhaft gegenseitig verklagen. "Ich könnte mir vorstellen, dass es dann plötzlich so eine Juristensorte gibt, die nichts Besseres zu tun hat, als zu gucken, wen sie anschwärzen kann." Dem Urteil des BGH ließe sich auch ein positiver Aspekt abgewinnen: "Es ist eine recht lustige Vorstellung, dass Bundesgerichtshöfe sich mit Beats beschäftigen."

Spiegel Online hingegen ist sich sicher: "Musikproduzenten, die viel sampeln, können nun erleichtert sein." Sie dürfen weiter fremde Tonfetzen verwenden. Rhythmuspartikel, Klänge, Geräusche: ja. Melodien: nein. Eine Zustimmung des Urhebers ist nicht erforderlich, wenn aus dem Puzzle ein eigenständiges Werk entsteht, das sich von der ursprünglichen Tonsequenz deutlich unterscheidet. Hier greife das Recht der "freien Benutzung".