Von der größten zur reichsten Insel der Welt – Grönland träumt vom raschen Aufstieg. Eine Volksabstimmung soll jetzt die Voraussetzungen für den Wirtschaftsaufschwung schaffen: Am Dienstag entscheiden die 56.000 Grönländer, ob die Insel in den Status der sogenannten selvstyrre (Selbststeuerung) übergeht und damit ihre Rohstoffvorkommen selber ausbeuten darf, statt das wie bisher dem ehemaligen Kolonialherren Dänemark zu überlassen.

Der Boden Grönlands ist reich an Rohstoffen. Allein seine Ölfelder könnten mehrere Billionen Dollar wert sein, schätzt der U.S. Geological Service. Wenn sich nun eine Mehrheit der Bevölkerung für selvstyrre entscheidet, könnte Grönland bis auf die Außen- und Verteidigungspolitik alle Politikbereiche selber übernehmen. In der Folge fielen alle Einnahmen aus dem Rohstoffexport der Insel zu.

Ob das ein gutes Geschäft ist, ist noch nicht ganz klar. Im Gegenzug würden nämlich Subventionen, die Kopenhagen überweist und die derzeit die Hälfte des grönländischen Haushaltes ausmachen, schrittweise verringert. Derzeit zahlt das Festland jährlich mehr als drei Milliarden dänische Kronen Zuschuss an Grönland. Das sind mehr als 400 Millionen Euro oder mehr als 7000 Euro pro Einwohner. Verwaltet es sein Rohstoffgeschäft selbst, soll Grönland einen Basisbetrag von zehn Millionen Euro an Einnahmen pro Jahr behalten dürfen. Für jede Krone, die die Insel darüber hinaus einnimmt, überweist Kopenhagen 50 Öre weniger. Übersteigen die Rohstofferlöse mehr als 800 Millionen Euro, zahlt Dänemark nichts mehr.

"Wegen der Wirtschaftskrise sind die Rohstoffpreise jüngst drastisch gesunken. Damit Grönland wirklich gute Geschäfte machen kann, muss sich das erst wieder ändern", sagt Christen Sørensen. Der Ökonom berät die dänische Regierung seit 1996 in Fragen der grönländischen Wirtschaft.

Dennoch: "Es ist zu erwarten, dass die Abstimmung positiv ausfällt. Dann hat Grönland es in der Hand, später komplett unabhängig zu werden. Dänemark wird dem Land keine Steine mehr in den Weg legen", sagt Marianne Krogh Andersen, Grönlandkennerin und Autorin des Buches Mægtig og afmægtig (Grönland – mächtig und ohnmächtig). Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist Grönland keine dänische Kolonie mehr. Seit 1979 ist die Innenpolitik weitgehend unabhängig von Dänemark. Ausgenommen sind u.a. das Rechtswesen und die Verwaltung der Rohstoffe. Die selvstyrre wäre der dritte Schritt hin zu mehr Selbstbestimmung und wohl der letzte vor der kompletten Unabhängigkeit.

"Negativ ist in der Übereinkunft, die jetzt zur Abstimmung steht, nur ein Punkt: über die Außenpolitik bestimmt weiterhin Dänemark", sagt Lars-Emil Johansen, der für die grönländischen Sozialdemokraten Siumut im dänischen Parlament sitzt und sich seit Jahrzehnten für mehr Autonomie seiner Heimat einsetzt. Grönland stellt zwei der 179 Abgeordneten im dänischen Parlament, das wird unabhängig vom Ausgang der Abstimmung zunächst so bleiben.