Christof Schenck ist Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF)

ZEIT ONLINE: Ist es zynisch, sich angesichts der humanitären Katastrophe im Kongo über ein paar Affen Gedanken zu machen?

Christof Schenck: Die Frage ist wichtig und berechtigt. Es ist keineswegs unethisch, denn beides hängt ganz eng miteinander zusammen. Menschen und Tiere dort leiden unter demselben Problem: den kriegerischen Auseinandersetzungen in der Region. Und wenn wir dort helfen, helfen wir den Gorillas wie den Menschen.

ZEIT ONLINE: Was nützen die Gorillas den Menschen im Kongo?

Schenck: Die Berggorillas sind unglaublich attraktiv für den Tourismus, weil man sie in einem gewissen Maße an Menschen gewöhnen und im Wald besuchen kann. Es gibt nichts Faszinierenderes, als die Tiere einmal in ihrer natürlichen Umgebung aus der Nähe zu betrachten, diese großen, starken Tiere, die so unglaublich friedlich sind.

ZEIT ONLINE: Wie viele Berggorillas gibt es denn noch?

Schenck: Etwa 700. Die Hälfte von ihnen lebt in dem umkämpften Gebiet im Südosten des Kongos, in einem kleinen Bereich, dem Mikeno-Sektor, der vollständig von den Rebellen des Generals Nukunda eingenommen wurde. Die andere Hälfte der Tiere lebt auf ruandischem Gebiet oder auf der ugandischen Seite.

ZEIT ONLINE: Sind im Moment Besuche bei den Gorillas noch möglich?

Schenck: Nein, im Kongo wäre das ein Himmelfahrtskommando. Dort ist der gesamte Tourismus zum Erliegen gekommen. Es gibt ja zurzeit auch keine Ranger mehr, die einen zu den Affen führen könnten. Touren sind nur noch in Ruanda oder Uganda möglich.

ZEIT ONLINE: Was ist denn mit den Rangern geschehen?

Schenck: Die sind alle geflohen - rund 100 Parkmitarbeiter mitsamt ihren Familien. Sie haben sich auf ihrer Flucht zum Teil unter dramatischen Umständen duch den Busch geschlagen und tagelang nur von Blättern und Insekten gelebt. Jetzt sind sie in einem Flüchtlingscamp bei Goma untergekommen. Dort leben sie unter den gleichen schwierigen Bedingungen wie die anderen Flüchtlinge auch.

ZEIT ONLINE: Und wie geht es den Gorillas?

Schenck: Das weiß niemand, weil sich in dem Gebiet die Rebellen verschanzt haben. Die Soldaten Nukundas nehmen allerdings für sich in Anspruch, auf die Tiere aufzupassen. Doch ob das der Wahrheit entspricht, können wir nicht nachvollziehen.

ZEIT ONLINE: Vor einiger Zeit ging ein Foto um die Welt, dass ein ermordetes Berggorilla-Männchen auf einer Art Bahre zeigte, die Menschen aus dem Urwald trugen. Werden die Tiere absichtlich abgeschossen?

Schenck: Ich hoffe sehr, dass es zurzeit  nicht mehr zu solchen Übergriffen kommt. Dafür könnten in einem gewissen Sinne die Rebellen bürgen, die das Gebiet besetzt halten. Die zehn erschossenen Gorillas im vergangenen Jahr gingen auf das Konto der örtlichen Holzkohle-Mafia. Das war eine Art von Ökoterrorismus. Die Mafia wollte den Rangern, die die Tiere beschützen, zeigen, wer stärker ist. Allein aus dem Nationalpark wird jedes Jahr illegal Holzkohle im Wert von 20 bis 30 Millionen Dollar entnommen.

ZEIT ONLINE: Wird auch der aktuelle Krieg von wirtschaftlichen Interessen bestimmt?

Schenck: Ja, es geht vor allem um das wertvolle Erz Coltan, das in der Region vorkommt und an das alle kriegführenden Parteien ran wollen. Das daraus gewonnene Metal Tantal ist unentbehrlich etwa für Hochleistungskondensatoren, wie sie in Handys oder Laptops verbaut werden. Insofern sitzen wir, die wohlhabenden Industrieländer, ganz direkt mit im Boot. Coltan wird von den kämpfenden Parteien illegal über die Grenze gebracht und von dort in den internationalen Markt eingeschleust. Davon kaufen sich die Kombattanten Waffen, mit denen sie neue Minen erobern und neue Waffen kaufen. Ein Teufelskreis.

ZEIT ONLINE: Was müsste getan werden, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen?

Schenck: Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit hat ein Programm gestartet, das einen Herkunftsnachweis für Coltan ermöglichen soll. Die Handyhersteller könnten dann "gutes" von "schlechtem" Coltan trennen. Dann könnten auch die Verbraucher Druck ausüben, indem "Bluthandys" einfach nicht mehr gekauft werden sollten. Aber dieser Prozess hatte gerade erst begonnen.

ZEIT ONLINE: Aber das reicht sicher nicht, um dem Kämpfen Einhalt zu gebieten...

Schenck: Um die Parteien wirksam zu trennen und zu entwaffnen, bräuchten wir ein deutlich stärkeres und motivierteres Truppenkontingent als die derzeitigen UN-Blauhelme. Wichtig wären auch eigene UN-Experten, die sich gezielt um den Schutz der Gorillas kümmern und um die Versorgung der Flüchtlingslager mit Brennholz. Denn der große Energiebedarf der Camps wird vor allem durch Holzkohle aus den Wäldern des Nationalparks gedeckt, auch das ist eine große Gefahr für die Gorillas.

ZEIT ONLINE: Gibt es überhaupt Chancen, diesen Konflikt in absehbarer Zeit zu beenden und die Gorillas zu retten?

Schenck: Ich denke, die Chancen sind größer als bei anderen Dauerkonflikten, weil er in gewisser Weise überschaubar ist. Außerdem ist der Virunga-Nationalpark eines der reichsten und landschaftlich reizvollsten Gebiete Afrikas mit großem touristischem Potential. Durchaus vergleichbar mit der Serengeti. Eins ist sicher: Wenn die Gorillas nicht mehr da sind, hätte wohl niemand mehr großes Interesse an dem Park

Interview: Georg Etscheit

Info für Spenden und Gorilla-Patenschaften unter www.zgf.de