Es gibt wohl kaum einen Spitzensport, der in den letzten Jahren nicht durch Dopingskandale in Verruf geraten ist. Ob im Radsport, Schwimmen, Gewichtheben oder in der Leichtathletik, viele einst gefeierte Spitzensportler müssen sich vorwerfen lassen, mit unerlaubten Mitteln ihre Rekorde und Siege erzielt zu haben. Doch der Ehrgeiz, Spitzenleistungen zu erbringen und seinen Körper zu stählen, ist auch im Breitensport und auch unter Jugendlichen weit verbreitet. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung schätzt, dass derzeit zwischen drei und fünf Prozent der 14- bis 19-Jährigen etwa zu Anabolika greifen, um sich vermeintlich attraktiver und leistungsfähiger zu machen.

Dieser Medikamentenmissbrauch unter Jugendlichen ist aber noch lange nicht in der öffentlichen Debatte angekommen, ein Missstand, den Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) ändern will. Am Dienstag hat sie Experten zu einer Diskussionsveranstaltung in Berlin eingeladen, um so mehr Aufmerksamkeit für das Thema zu erzeugen und es so zu schaffen, dass "Kinder und Jugendliche gesund aufwachsen". Diese müssten lernen, selbstverantwortlich mit den Gefahren der heutigen Zivilisation umzugehen. "Sport ist wichtig, aber nur, wenn er gut tut. Er verfehlt seine Funktion, wenn er krank macht", sagte Schmidt im Gesundheitsministerium.

Die Jugendlichen kauften sich "Muskeln auf Pump", die Rechnung dafür werde später bezahlt. Anabolika können zu Unfruchtbarkeit führen, Leberzellveränderungen, Wachstumsstörungen, Herzversagen und schwere psychische Störungen hervorrufen. "Wir können das nicht hinnehmen. Kein Schönheitsideal, kein äußerliches Image rechtfertigt die Selbstzerstörung von Jugendlichen", sagte die Ministerin weiter.

Um die Motive der Teenager für den Konsum von Anabolika herauszufinden, hat der Wissenschaftler Michael Sauer vom Manfred Donike Institut für Dopinganalytik e.V. Kamerateams in Jugendzentren filmen lassen. Sein Film zeigt junge Männer, die vor Comic-Bodybuildern in Schwarzenegger-Manier Gewichte stemmen. Warum sie das tun? "Weil die Mädels darauf stehen, die wollen starke Männer." Und: "Weil ich mich auf der Straße sicherer fühle, wenn die anderen Angst vor meinem Körper haben." Die interviewten Jugendlichen sprechen offen über Anabolika. Fast jeder im Freizeitzentrum habe das schon probiert, und: "Es funktioniert."

Dennoch sind die Jugendlichen kritisch. "Die Gesellschaft und die Medien verbreiten, dass man stark und cool sein muss. Das ist nicht korrekt", sagt einer. Er wisse von manchen Nebenwirkungen, zum Beispiel, dass Anabolika aggressiv machten: "Du kriegst dann alles in den falschen Hals." Als Diskussionsgast im Gesundheitsministerium kritisierte auch der Berliner Rapper Seyfu die Medien. "Sie gaukeln Jugendlichen vor, sie könnten aus eigener Kraft nichts erreichen. Da werden Anabolika zur Droge. Es ist wie ein Accessoire. Die Frau hat ihre Handtasche, der Mann seinen aufgepumpten Bizeps."

Der Arzt Carsten Boos hatte eine Vermutung, warum diese Jugendlichen ihren Körper trimmen: "In unserer Gesellschaft sind wir bereit, uns zu präparieren, um zu funktionieren. Das geht schon mit Kopfschmerztabletten vor der Arbeit los, um am Tag Leistung zu bringen." Konzentrationsfördernde und beruhigende Mittel würden schon bei Kindern eingesetzt. "Wir nehmen Schmerzmittel, Schlaf- und Wachmittel, und auch Alkohol und Nikotin gehören in diese Reihe", sagte Boos in Berlin.

Boos hat Studien über Anabolika-Konsumenten durchgeführt und herausgefunden, dass diese öfter arbeitsunfähig seien. "Wer diese Substanzen missbraucht, ist ein Drittel häufiger krank zum Beispiel durch Muskelverletzungen. Von psychischen Spätfolgen ganz zu schweigen. Das bedeutet zusätzliche Kosten für unser Gesundheitssystem und belastet die Solidargemeinschaft", so Boos. Jedoch sollten Jugendliche nicht kriminalisiert werden, weil die Ursachen für das Missbrauchsphänomen "woanders liegen". Und Werner Franke, prominenter Dopingkritiker, rief Medien und Politik auf, gegen "dieses schwer schädliche tödliche Gebilde des Medikamentenmissbrauchs" vorzugehen.

Die Gesundheitsministerin hat derweil ihren Handlungsbedarf längst erkannt und stellte ihre Pläne vor: Sie wolle die Jugendarbeit in Kommunen stärken, um junge Menschen in Sportvereinen und Fitnesscentern zu erreichen und aufzuklären. Wichtig sei auch eine umfassende statistische Untersuchung, da nur auf Basis umfassender Daten Prävention möglich sei. Außerdem "müssen wir das Selbstbewusstsein unserer Kinder stärken. Wir dürfen nicht Gefahr laufen, ihnen in dieser schnelllebigen Welt falsche Antworten zu geben."