Mario Conde läuft durch Havanna und erkennt es nicht wieder – die Stadt, dessen literarische Wahrnehmung er wie keine andere Romanfigur geprägt hat. Leonardo Paduras Held in Der Nebel von gestern wurde schon in vorigen Romanen mit den Schattenseiten der kubanischen Gesellschaft konfrontiert. Es ist die Zeit um 1989. Die Sowjetunion ist zusammengebrochen. Hochrangige Politiker Kubas waren in Drogengeschäfte verwickelt.

Paduras Kommissar Mario Conde wusste der entmutigenden Wirklichkeit mit einer gut bewährten Kombination aus Rum, Schmerzmitteln und einer chinesischen Heilsalbe entgegenzutreten, vor allem aber mit seinem unverkennbaren, ironischen Humor, der ihm zu Recht die Gunst des internationalen Publikums sicherte.

Conde war immer ein Fremder in der Welt der Polizei, aber nie in Havanna: Er pflegte eine tiefe seelische und körperliche Beziehung zu dieser Stadt, zu ihren Gerüchen, ihren Winden, ihrem Verfall, den Erinnerungen, die sie bewahrt.

In Paduras neuem Roman Der Nebel von gestern sind es eben diese Erinnerungen, die Conde darüber hinweghelfen, dass er sich in der ihn umgebenden Welt eskalierender Gewalttätigkeit, trister Prostitution und immer ausgefallenerer Drogen nicht mehr zurechtfindet. Der Ermittler hat seinen alten Beruf an den Nagel gehängt und ist Antiquar geworden.

Seinen Spürsinn hat er nicht verloren. Als ihm ein Zeitungsartikel über die Bolerosängerin Violeta del Río in die Hände fällt, die Ende der fünfziger Jahre plötzlich aus dem Showgeschäft verschwand, erwacht sein Interesse. Er bringt den Fall mit einem aktuellen Mordfall in Verbindung und trifft sich mit alten Bekannten der Sängerin.

Seine Nachforschungen über das überbordende Nachtleben im vorrevolutionären Havanna sind nicht das eigentlich Interessante an diesem Roman. Vielmehr ist es Mario Condes Selbstverortung in der Gegenwart des neuen Jahrtausends:  Während seiner Recherchen im alten Stadtviertel Atarés gerät er in eine apokalyptische Welt der Gewalt und des materiellen Überlebenskampfes. Während der Melancholiker Mario Conde sich mühsam an alten Freunden und Erinnerungen an eine glückliche Jugend festhält, zählt in der "neuen" Welt nur das Geschäft. Die jüngere Generation hat sich einem Pragmatismus verschrieben, den El Conde weder erträgt noch durchschaut.

Leonardo Padura, der Zeit seines Lebens in Havanna gelebt hat, gibt offen zu, dass dieses Unverständnis sein eigenes sei. Er gehört einer Generation an, die im revolutionären Kuba aufgewachsen ist – im Revolutionsjahr 1959 war er vier Jahre alt. Obwohl sich in den neunziger Jahren die Lebensbedingungen in seiner sozialistischen Heimat radikal verschlechterten, ist Paduras Beteiligung am Revolutionsprozess, seine Bindung an diese Zeit, in seiner Literatur präsent geblieben.