Die 49 Jahre alte Lori Drew aus Missouri hat, laut Anklage, mit der 13-jährigen Megan im Netzwerk MySpace Kontakt aufgenommen. Sie hat dem Mädchen vorgegaukelt, ein 16-jähriger Junge – Josh – zu sein, und in dessen Namen mit ihr geflirtet. Dabei hat sie mit Megan mehrere Wochen korrespondiert über die Schule, über Sex, über die Schönheit und das Mädchen in den virtuellen Jungen verliebt gemacht. Sie hat auch noch zwei andere Personen mit in ihr fieses Spiel einbezogen.

Ganz plötzlich schrieb der vermeintliche Josh, dass er Megan nicht mehr leiden könne, leitete vertrauliches an Schulkameraden weiter und schrieb eine letzte Hassmail: die Welt sei schöner ohne Megan. Daraufhin nahm sich das schon zuvor zu Depressionen neigende Mädchen das Leben.

Der Prozess gegen Lori Drew, der nun begonnen hat, ist der erste Fall von Internet-Mobbing in der US-Geschichte, der vor Gericht landet. Die Staatsanwaltschaft wirft Lori Drew vor, ein verbrecherisches Komplott geschmiedet und dazu die Homepage MySpace missbraucht zu haben. Aber warum tut eine 49 Jahre alte Frau so etwas, was man bei Jugendlichen schon gemein findet?

Lori Drew gehörte zur guten Gesellschaft, mit schönem Haus, intakter Familie und gutem Job. Sie hatte eine eigene kleine Firma, ihr Mann ist Makler. Es handelt sich um kein Unterschichtenproblem, sondern um eine Mutter, die als verantwortungsbewusst und übermäßig fürsorglich gelten kann.

Drews Tochter war eng befreundet mit Megan. Doch wie es bei 13-jährigen Mädchen vorkommt, zerbrach die Freundschaft auf unerfreuliche Weise. Lori Drews Tochter beschwerte sich bei ihrer Mutter, wie gemein Megan zu ihr gewesen sei. Sie soll Gerüchte über sie in die Welt gesetzt haben. Und Lori Drew konnte es nicht ertragen, dass ihr Kind Probleme hatte. Ihr wird nun vorgeworfen, dass sie das Mädchen aus Rache demütigen wollte.

Im Amerikanischen gibt es eine hübsche Bezeichnung für überengagierte Eltern: Helicopter-Parents. Sie schweben dicht über ihren Kindern. Lassen sie nie aus den Augen. Besonders, was deren Bildung betrifft, wird jeder Schritt kontrolliert, unterstützt, vorbereitet. Keine Chance soll den Kindern entgehen, keine Gefahr sie bedrohen. Chinesisch für Kindergarten-Kinder und Jugendliche, die mit GPS-Empfängern in der Tasche ihre Freunde treffen müssen, damit ihre Eltern jeden Schritt nachvollziehen können und alle Gefahren rechtzeitig abwehren können – das sind die harmlosen Auswüchse.