Es scheint merkwürdig: Da sprechen sich Kirchenvertreter gegen eine Initiative aus, die den Namen Pro Reli trägt. Das Volksbegehren sammelt seit September Unterschriften, um zu erreichen, dass das Fach Religion an Berlins Schulen dem Pflichtfach Ethik gleichgestellt wird. Schüler hätten nach einem möglichen Volksentscheid dann die Wahl zwischen beiden Fächern. Pro Reli hat dafür Rückendeckung von beiden großen Kirchen.

Dass Christen aber auch gute Gründe gegen einen regulären Religionsunterricht haben können, wurde bislang übersehen. Deshalb meldet sich jetzt die Initiative Christen pro Ethik zu Wort. Sie setzt sich ihrem Namen entsprechend für einen verpflichtenden Ethikunterricht ein. "Wir wehren uns gegen Pro Reli s Propaganda, die an Schärfe zugenommen hat", sagt der evangelische Pfarrer des Französischen Doms, Stephan Frielinghaus.

Die Kirchenvertreter unterstützen damit die Linie der rot-roten Berliner Landesregierung: Vor zwei Jahren hat der Senat den Ethikunterricht als ordentliches Lehrfach für alle Jugendlichen der 7. bis 10. Klasse eingeführt. Der Religionsunterricht darf seitdem wie bisher freiwillig und zusätzlich besucht werden. Die Idee hinter einem verpflichtenden Ethikunterricht ist es, Schüler den Dialog verschiedener Kulturen im Klassenzimmer üben zu lassen. Ein separater Religionsunterricht für christliche, jüdische und muslimische Schüler würde zu "Parallelgesellschaften und Intoleranz" führen. So argumentiert auch das Bundesverfassungsgericht. Es hat 2007 die Klage einer Familie abgewiesen, die eine Abmeldemöglichkeit vom Ethikunterricht durchsetzten wollte.

"Es ist ein Unterschied, ob sich Christen untereinander über Muslime unterhalten, oder ob Christen und Muslime das Gespräch miteinander suchen", sagt Michael Bongardt, Professor für Vergleichende Ethik an der Freien Universität Berlin. Bongardt ist eine personifizierte Synthese beider Lager. Wie die Verfechter des Ethikunterrichts will er die "Sprachlosigkeit zwischen den verschiedenen Weltanschauungen überwinden." Schulen hätten auch einen Integrationsauftrag zu erfüllen und in einem gemeinsamen Ethikunterricht könnten Schüler sich an den Werten des Grundgesetzes und der demokratischen Ordnung orientieren. "Religiöse Grüppchenbildung" müsse besonders in einer multikulturellen Stadt wie Berlin durch gemeinsamen Dialog verhindert werden.

Andererseits argumentiert Bongardt wie Pro Reli , wenn er die Schule als "einen Raum, religiös sprechen zu lernen" bezeichnet. Wie die Freunde des Religionsunterrichts plädiert er dafür, Jugendlichen ihre jeweilige Religion erfahrbar zu machen. Theoretisches Wissen über die eigenen Wurzeln genüge nicht. "Schüler müssen in ihre Tradition hineinwachsen und sich kritisch mit ihr auseinandersetzen." Dafür sei der Religionsunterricht zuständig, denn Ethik könne das nicht leisten.