Wer zurzeit die Aktienkurse beobachtet, hat auf den ersten Blick Grund zur Freude: Die Aktien sind seit ihrem tiefsten Stand schon mehr als 15 Prozent gestiegen. Zwar sieht der Zuwachs im langfristigen Chart angesichts der verheerenden Kursverluste noch klein aus. Aber 15 Prozent müssen erst einmal verdient werden. Und jeder Bullenmarkt, also die Phase steigender Kurse, fängt schließlich einmal klein an.

Ist also Optimismus angebracht? In der Regel sind die Prognosen der Märkte schließlich besser als die Prognosen der Volkswirte: Aktienkurse beginnen in der Regel bereits zu fallen, bevor die Konjunktur in eine Abschwungphase oder gar eine Rezession gerät. Sie sind ein Frühindikator, in den vergangenen Rezessionen rauschten Aktien bereits zwei bis sechs Monate vor dem Konjunkturtief ins Tief.

Doch es gibt zwei Probleme: Leider weiß man immer erst im Nachhinein, wann die Kurse tatsächlich ihren Tiefpunkt überwunden haben. Und zudem kann eine Kursbewegung nach oben auch nur die berühmte "Bärenmarktrallye" sein, die eine Phase fallender Kurs ankündigt: Anleger nutzen die Chance, zu guten Kursen aus dem Markt auszusteigen und noch schnell Geld zu verdienen.

Experten rätseln daher, was sich hinter dem leichten Plus an den Aktienmärkten verbirgt. Dabei hilft ein Blick über den Tellerrand, der zeigt, dass es für Optimismus noch zu früh ist. An den Rentenmärkten sieht die Lage komplett anders aus. Die Renditen für zehnjährige US-Schatzbriefe sind in den vergangenen zwei Wochen nahezu kollabiert. Verzeichneten die Anleihen Mitte November noch eine Rendite von 3,9 Prozent, waren es Ende des Monats nur noch 2,9 Prozent. Das ist der niedrigste Stand seit Jahrzehnten. Selbst im Jahr 2003, als ebenfalls eine Rezession drohte, fiel die Rendite nicht unter drei Prozent.

Die niedrige Verzinsung überrascht, vor allem, wenn man die wirtschaftspolitischen Maßnahmen der vergangenen Wochen betrachtet. Schließlich fluten die US-Notenbanken die Märkte zurzeit mit Liquidität. Die Staatsverschuldung in den USA galoppiert davon. So erhöht sich das Angebot an Staatsanleihen in einem zuvor selten gekannten Ausmaß. Die Kurse für Staatsanleihen steigen aber immer weiter. Und die Rendite, die Dividende und Kurs ins Verhältnis setzt, sinkt weiter.

Das ist ungewöhnlich. Eigentlich müssten die Rentenmärkte anders reagieren. Wenn sie vom Erfolg der staatlichen Eingriffe überzeugt wären, müssten die Rentenkurse eigentlich fallen und die Rendite steigen. Aber das Gegenteil ist der Fall. Offensichtlich beäugen die Rentenmärkte die staatlichen Rettungspakete äußerst skeptisch.