Jetzt steht sie wieder im Brennpunkt der öffentlichen Kritik. Merkel zögere und zaudere , wo doch in der sich anbahnenden Wirtschaftskrise entschlossenes Handeln angesagt sei, tönt es von allen Seiten. Für expansive Konjunkturprogramme plädieren die einen, für kräftige Steuersenkungen die anderen, auch aus den Reihen der Union. "Angela mutlos" titelt der Spiegel in seiner neuen Ausgabe. Der heute beginnenden CDU-Parteitag dürfte kein Hochamt für Merkel werden.

Angela Merkel hat dergleichen Stimmungen schon einige Male erlebt. Im Grunde von Anfang an. Auch als sie 2000 CDU-Vorsitzende wurde, waren sich alle Kenner des politischen Geschäfts einig, dass es mit ihr nicht lange gut gehen würde. Denn sie besaß nichts von dem, was nach der festen Überzeugung der Profis unabdingbar vorhanden sein muss, um in der Parteiendemokratie ganz oben zu bestehen: Sie verfügte nicht über Stallgeruch, hatte keine Ochsentour absolviert, konnte sich nicht auf geschlossene Bataillone eines mächtigen Landesverbandes verlassen, war nicht in Seilschaften und einflussreichen Netzwerken integriert. Und man wusste nicht, was sie denn politisch wirklich wollte.

Doch es kam anders. Merkels große Stärke war ihre Lernfähigkeit, die sie einfach aufbringen musste, eben weil sie keine gelernte Christdemokratin war. Das aber machte sie elastischer, neugieriger als ihre gleichaltrigen CDU-Rivalen mit ewiger Jungen-Union-Prägung. Und es passte in die deutsche Gesellschaft der letzten Jahre, die sich in einem rasanten Umbruch befindet.

Merkel schien deutlich offener, aufgeschlossener, weniger an alten Formeln hängend als die meisten ihrer Parteifreunde. Mehr noch: Sie war im Grund die erste Vorsitzende der CDU, die letztlich auch in einer anderen Partei hätte sein und dort das Management der Macht ebenso gut hätte leiten können. Aus der Weltanschauung und dem Wertekodex der Christdemokratie entwickelte Merkel jedenfalls ihre politischen Anliegen nicht. In ihrer zumindest leichten Parteiindifferenz kam sie so dem Antiparteiensyndrom der deutschen Gesellschaft ein Stück entgegen.

Kurzum: Ihre außergewöhnlich rasche Auffassungsgabe bildete ihr große Plus. Auf diesen Vorzug war sie auch angewiesen. Denn sie musste im Zeitraffer von zehn Jahren, von 1990 bis 2000, lernen, wozu ihre wichtigsten Konkurrenten sich mehrere Jahrzehnte Zeit hatten nehmen können. In Merkels politischem Lehrjahrzehnt hat sie Helmut Kohl abgeschaut, wie überlebenswichtig es im Zentrum der Macht sein kann, sich politisch nicht vorschnell festzulegen. Der pointierte Ideenproduzent ist der Held nur des Moments. Der flexible politische Moderator sichert sich Macht auf Dauer.

Merkel lässt wie Kohl politische Debatten gern laufen. Sie schaut, wie sich die Kräfteverhältnisse herauskristallisieren, bevor sie sich auf eine Seite schlägt. Das ist eine der Regeln dieser Art von Machtpolitik: Man versucht das Risiko zu vermeiden, um die Führungsposition zu erhalten.

Zweimal wollte Merkel zeigen, dass sie auch anders kann: 2002, als sie den Irakkrieg der Amerikaner entschiedener als jeder andere deutsche Politiker unterstützte, dann 2003 bis 2005, als sie als Avantgardistin scharfer marktwirtschaftlicher Reformen durch die Lande zog. Beides ist ihr denkbar schlecht bekommen.