Der Feind trägt rote Socken. So oder ähnlich lässt sich das Geschichtsbild der CDU auch im Jahr 2008, achtzehn Jahre nach der deutschen Einheit, auf einen Nenner bringen. Der Hauptgegner ist und bliebt die Linkspartei als SED-Erbin, und die SPD, die mit ihr vermeintlich zusammenarbeiten will. Ein Antrag für den Parteitag, der sich mit der DDR-Vergangenheit befasst, richtet sich deshalb auch ausschließlich gegen die Linke und Rot-Rot-Grün. Eine kritische Rückschau auf das  schwierige Erbe der Ost-CDU fehlt hingegen nach wie vor. Dabei gibt es dafür durchaus auch aktuellen Anlass, wie der Fall des sächsischen Ministerpräsidenten Tillich zeigt, der dieser Tage einräumen musste, zu DDR-Zeiten ein Nachwuchskader des SED-Apparats gewesen zu sein.

Zwar gibt es einsame Mahner, wie den Ministerpräsidenten Sachsen-Anhalts, Böhmer, der seine Partei auffordert, die Bevölkerung nicht für dumm zu verkaufen. Doch solche Selbstkritik verhallt ungehört.

Es ist für den schnell gewordenen politischen Betrieb inzwischen Lichtjahre her, dass die heutige CDU-Vorsitzende Merkel selbst einmal fulminant an dieser Vergangenheit scheiterte. Es war 1991, als die Uckermärkerin in ihrem CDU-Heimatverband Brandenburg den Vorsitz übernehmen wollte. Altkader – also der CDU-Politiker, die schon zu DDR-Zeiten Mitglied der staatstragenden Blockpartei waren – verhinderten sie und hoben stattdessen Ulf Fink, einen West-Import, ins Amt.

Die frühere brandenburgische Sozialministerin Regine Hildebrandt hat sich Jahre später geweigert, mit "diesen Arschlöchern von der CDU" zu koalieren. Es war ihr politisches Ende, weil sie es gewagt hatte, darauf hinzuweisen, dass in der ersten CDU-Landtagsfraktion nach der Einheit 24 der 27 Abgeordneten Altmitglieder und -funktionäre waren – einer bereits seit 1952, also sowohl vor als auch nach der blutigen Niederschlagung des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953.

Merkel hat daraus gelernt. Es sollte ihre letzte Schlappe gegen die gewendeten Ost-CDUler gewesen sein. Sie, die aus dem Demokratischen Aufbruch kam, also unbelastet war, hatte die Macht der alten Seilschaften deutlich unterschätzt und sich zu früh auf die Seite der Neuerer geschlagen, die sich von den "Blockflöten" absetzen wollten. (Obwohl sie sich selbst 1990 von Günter Krauses Gnaden – einer der schillerndsten Figuren der alten Ost-CDU – einen sicheren Listenplatz in Mecklenburg-Vorpommern versorgen ließ.)

Drei Jahre später, als die Tage des Verkehrsministers Krause gezählt waren, stand ihre Mehrheit in Mecklenburg-Vorpommern, und so wurde sie - mit kräftiger Unterstützung verdienter CDU-Genossen - Landesvorsitzende. Bis heute ist der Landesverband, in dem noch immer viele Altkader sitzen, ihre sichere Wagenburg.