Schönschrift war früher ein eigenes Schulfach, das streng benotet wurde. Ein handgeschriebener Lebenslauf gehörte bis vor kurzem noch in jede Bewerbungsmappe. Heute gilt eine Vita, die mit Füllfederhalter verfasst wurde, bestenfalls als altmodisch. Man klickt sich online bis zum Vorstellungsgespräch durch.

Was bedeutet das Verschwinden der Schreibschrift für diejenigen, die sich hauptberuflich mit ihrer Analyse beschäftigen, die Grafologen? Ist Ihre Meinung im digitalen Zeitalter noch gefragt? "Ich halte überhaupt nichts von grafologischen Gutachten", sagt Constantin Fabry, Geschäftsführer der Personalberatung Mannroth in Berlin. "Meine Kunden wissen gar nicht was sie damit anfangen sollen."

"Die Schreibschrift ist ein einzigartiger Informationsträger", sagt dagegen der Schweizer Schriftpsychologe Hans-Rudolf Metzger. "Sie spiegelt intellektuelle und soziale Kompetenzen wider, Fähigkeiten und mögliche Potenziale eines Menschen." Er wehrt sich gegen den Vorwurf der Unseriösität, der der Grafologie gerne angelastet wird. Metzger hat ein Psychologiestudium und ein Aufbaustudium für Schriftpsychologie absolviert und gehört der Schweizer Grafologie Gesellschaft an, dem Äquivalent zum Deutschen Berufsverband geprüfter Grafologen.

Das geschulte Auge eines Grafologen könne aus Schriftproben Eigenschaften wie Teamfähigkeit, Zuverlässigkeit, Durchsetzungsvermögen und Vitalität ablesen, sagt Metzger. "Die Handschriftanalyse ist also ein äußerst wertvoller Beitrag für Personalentscheidungen." Die Tatsache, dass kaum mehr jemand mit der Hand schreibt, sieht Metzger sogar als "riesigen Vorteil" für seine Berufssparte. "Es steigert die Aussagekraft der Grafologie, wenn Menschen das Schönschreiben verlernen. So wird ihre Schrift authentischer und originaler".

In den neunziger Jahren war es in Deutschland durchaus noch üblich, dass Personalchefs Grafologen damit beauftragten, die handschriftlichen Lebensläufe ihrer Bewerber unter die Lupe zu nehmen. Mit Einzug des Computerzeitalters ist nur noch wenigen Arbeitgebern der Nutzen der Schriftanalyse plausibel. Maximal zwei Prozent aller Unternehmen legen Wert auf einen Lebenslauf in Schreibschrift.

Metzger erklärt sich das so: "Das schlechte Image der Grafologie hängt mit dem Bedeutungsverlust der Schrift in unserer digitalen Kultur zusammen." Eine schöne Handschrift sei heute einfach nicht mehr gefragt. "Früher wurde von einem Zahlenfachmann erwartet, dass er Bücher sauber führen kann, heutzutage kommt es den Personalchefs scheinbar mehr auf die IT-Fähigkeiten der Bewerber an." Assessment-Center und elektronische Leistungstests erschienen Personalern transparenter, "weil sie da Ergebnisse schwarz auf weiß erhalten".