Gleich zu Anfang ihrer Rede auf dem Stuttgarter Parteitag kommt Angela Merkel auf die schwäbische Hausfrau zu sprechen. Hätte man diese doch schon mal früher gefragt, so Merkel. Dann wäre die Finanzkrise vielleicht niemals eingetreten. Was hätte die schwäbische Hausfrau denn gesagt? "Es geht nicht gut, wenn man auf die Dauer über seine Verhältnisse lebt." Und das, so Merkel, "ist der Kern der Krise".

Es ist ein geschickte rhetorische kleine Volte, die Merkel und ihre Redenschreiber sich hier ausgedacht haben. So viel bodenständiger Vernunft können die Delegierten sich schlecht verweigern. Wenn aber der Kern der Krise darin besteht, dass man über seine Verhältnisse lebt, kann dann die Lösung sein, dass man ohne Sinn und Verstand Geld ausgibt? Natürlich nicht.

Damit ist die Kanzlerin auch schon beim Kern ihrer Botschaft angekommen. Im Angesicht der drohenden Wirtschaftskrise darf sich die Partei nicht zu vorschnellen Milliardenausgaben hinreißen lassen. "Ich will, dass die CDU auch den Mut hat, gegen den Strom zu schwimmen", wirbt sie. Allein, es regen sich nur wenige Hände.

Es ist keine Frage: Machtpolitisch hat die Kanzlerin ihre Partei auf Linie gebracht. Schon tags zuvor hatte sie sich in Präsidium und Vorstand ihre Position absegnen lassen, dass schnelle Steuersenkungen, wie sie etwa aus dem Wirtschaftsflügel der Partei gefordert worden waren, jetzt nicht anstehen. Die Herzen der Delegierten hat sie damit nicht gewonnen. Dass Merkel ausdrücklich noch nicht das letzte Wort gesprochen haben will – "weil diese Krise so außergewöhnlich ist, werden wir alle Optionen offenhalten" – tröstet nicht wirklich.

Mit einem Programm für Steuersenkungen wollte die CDU ursprünglich in den Wahlkampf ziehen. Doch die Krise hat dieses auf einen hinteren Platz verdrängt, auch in Merkels Rede.

Nun hätte man wenigstens eine Erklärung dafür erwarten dürfen, warum die Steuersenkungen, die die Partei ja auch weiterhin für die nächste Legislaturperiode verspricht, dann richtig sein sollen und jetzt dennoch falsch sind. Merkel hat dafür nur eine Formel mitgebracht. "Wir werden keine strukturelle Steuerreform an die Stelle konjunkturpolitischer Maßnahmen setzen", sagte sie. Das werden die Delegierten ihrer Basis nur schwer erklären können.

Dass die Merkel-Linie in der Partei nicht wirklich verwurzelt ist, zeigt sich  bereits kurz nach ihrer Rede. Als der ehemalige Fraktionsvorsitzende Friedrich Merz in der anschließenden Debatte verlangt, die Steuern schon 2009 zu senken, klatschen auch die, die zuvor Merkel applaudiert haben.

Welche Themen hat die Kanzlerin noch im Gepäck, mit denen sie die Verbindung zur Partei herstellen kann? Die soziale Marktwirtschaft will Merkel zu einem internationalen Exportschlager machen. Von der "menschlichen Marktwirtschaft" redet sie. Noch 2006 auf dem Parteitag in Dresden hat Merkel für die "neue soziale Marktwirtschaft" geworben. Da war noch Reformanspruch drin. Vor einem Jahr hat die CDU sich selbst zur Mitte erklärt. Auch das war noch ein klares Bekenntnis. Denn gerade erst war die SPD nach links gerückt. Die CDU erklärte sich zur Erbin der Reform-Agenda 2010.
Die "menschliche Marktwirtschaft" ist dagegen ein ziemlich vages Konstrukt. Sie verspricht immer beides: Freiheit und Sicherheit, Leistung und Solidarität. Aber wo will die CDU den Schwerpunkt setzen? Das bleibt offen.

Erst ganz am Ende wachen die Delegierten doch noch auf. Da hat Merkel die globalen Themen längst hinter sich gelassen. "Wer den Sozialismus für das beste System hält, der hat ihn nicht erlebt", zitiert sie den Schriftstelle Uwe Tellkamp.