Nur wenige Tage vor dem EU-Gipfel hat Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) die deutsche Position klargemacht: Wenn Polens Kohlekraftwerke Sonderregeln für den Handel mit CO2-Zertifikaten bekämen, dann müsste dies auch für deutsche Kohlekraftwerke gelten. Bundeskanzlerin Angela Merkel ließ per Bild verkünden, dass es auf dem EU-Gipfel keine Beschlüsse geben werde, die in Deutschland Arbeitsplätze oder Investitionen gefährden – sie hat das Wahljahr 2009 vor Augen. Dabei klang sie vor einem Jahr noch anders: Auf dem G-8-Gipfel in Heiligendamm hatte sich Merkel als "Klimakanzlerin" inszeniert und die Staatschefs auf eine Halbierung der CO2-Emissionen bis 2050 eingeschworen.

Doch die aktuelle Wirtschaftskrise lässt die EU-Staatschefs ihre ambitionierten Klimaschutzziele vergessen. Am Donnerstag sollen sie in Brüssel ein umfassendes Paket beschließen. Das Ergebnis wird die Position beeinflussen, mit der die EU bei den Verhandlungen im polnischen Posen auftritt. Dort bereiten derzeit Unterhändler aus 188 Staaten ein neues, internationales Abkommen zum Klimaschutz vor. Es soll das bisherige Kyoto-Protokoll zur Reduzierung der Treibhausgase ablösen und kommendes Jahr verabschiedet werden.

Weil sich die Verhandlungen zum EU-Klimapaket als äußerst kompliziert erweisen, hat EU-Umweltkommissar Stavros Dimas bereits vor zu hohen Erwartungen gewarnt. "Die Gespräche in Posen sind niemals als Gelegenheit für große Fortschritte angesehen worden", sagt er. Das Treffen in Posen könne jedoch im Vorfeld der entscheidenden Konferenz für Schwung sorgen, die kommenden Dezember in Kopenhagen stattfindet.

Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy will um jeden Preis am Donnerstag einen Beschluss präsentieren, um seine EU-Ratspräsidentschaft mit einem Erfolg zu krönen. Zwar stehen die großen Ziele schon länger fest: Die Volkswirtschaften sollen bis 2020 ihre Treibhausgasemissionen um 20 Prozent im Vergleich zu 1990 senken und den Anteil erneuerbarer Energien auf 20 Prozent erhöhen.

Doch jetzt geht es um die Details. Sarkozy versucht zurzeit, die zahlreichen Wünsche nach Sonderregeln zu einem Kompromiss zusammenzufassen, und hat vorsorglich schon Verhandlungen bis tief in die Nacht angekündigt. Den Polen will er etwa entgegenkommen. Regierungschef Donald Tusk hatte für sein Land, das mehr als 90 Prozent seines Stroms mit umweltschädigenden Kohlekraftwerken erzeugt, Sonderregeln für den CO2-Zertifikatehandel gefordert. Italien droht sogar mit einem Veto gegen das komplette Klimapaket.

Schon seit einigen Wochen zeichnet sich deshalb ab, dass die EU ihre ambitionierten Klimaziele aufweichen wird. Das zeigt sich exemplarisch an den neuen Umweltschutz-Auflagen für Autos. Anfang des Monats hatten sich die EU-Staaten – und vor allem die großen Autonationen Deutschland, Frankreich und Italien – darauf geeinigt, dass Neuwagen nur noch 120 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen dürfen. Allerdings werden die Regulierungen jetzt nur noch stufenweise bis 2015 eingeführt und die Strafen bei Verstößen entschärft.