Die Dezember-Ausgaben der Musikmagazine widmen sich ausführlich dem ausklingenden Jahr. Die Redaktionen nutzen die Gelegenheit und stellen all die Entwicklungen und Alben vor, die sie in den vorangegangenen elf Monaten verschlafen haben. Oder das Gegenteil ist der Fall: Auf etlichen Seiten werden noch einmal die Künstler gefeiert, die ohnehin in aller Munde sind.

Den Anfang macht das Gratismagazin Intro. Schon die "Alben-Jahrescharts" lesen sich wenig originell: MGMT vor Santogold vor Hot Chip vor The Notwist vor Vampire Weekend. Und so weiter. Daneben werden die "relevanten" Themen des Jahres noch einmal heruntergebetet: Madonna, Jackson und Prince werden 50, Charlotte Roche schreibt ein Buch, Rauchen wird verboten, Obama wird gewählt. Das war nun wirklich alles schon tausendfach zu lesen.

Aber was ist das? Ein abseitiges und doch ganzseitiges Thema? Da steht, Samavayo hätten in einem "furiosen Finale vor dem Brandenburger Tor die Coca-Cola Soundwave Discovery Tour 2008" gewonnen. Nein, das ist keine Anzeige. Das ist ernst gemeinter Musikjournalismus. Die Platte des Monats im Intro ist übrigens AC/DCs Black Ice.

Ähnlich öde liest sich die Liste der Nominierten für den amerikanischen Musikpreis Grammy. Achtmal wird der Name des HipHoppers Lil Wayne aufgeführt, die britischen Kuschelrocker Coldplay sind für sieben Preise vorgeschlagen. Verliehen werden die 110. Grammys Anfang Februar. Von der Verleihung in diesem Jahr durften Amy Winehouse und Kanye West die meisten goldenen Grammofone nach Hause tragen.

Jener Kanye West ist auch heuer mehrfach nominiert, allerdings noch nicht für sein gerade erschienenes Album 808's & Heartbreak. Tobias Rapp stellt in der taz fest, West sei "der interessanteste Popstar der Nullerjahre". Auf dem Höhepunkt habe der HipHopper aufgehört, HipHop zu machen, und sich so neu erfunden: "Diese Art von selbstbestimmtem Neuanfang war bisher weißen Superstars vorbehalten: Radiohead etwa oder David Bowie." Statt flotter Reime höre man nun eine digital verfremdete Stimme, statt synkopierter Beats breite Synthesizerwände und Streicher.

Rapp analysiert, diese Veränderung sei Ausdruck der Ratlosigkeit, die der HipHop in den vergangenen Jahren kommuniziere. Das Genre sei beherrscht von der Unschlüssigkeit, "was man mit dem Erreichten anfangen könne. Den immergleichen Aufstieg aus dem Ghetto zelebrieren, wird irgendwann schlicht langweilig, genau wie der ewige Rekurs auf die vermeintlich goldene Vergangenheit." Mit seinem neuen Album mache West einen anderen Vorschlag: "Man könnte die letzten Reste des minoritären Sprechens aufgeben und Pop werden, der keine Hautfarbe mehr hat." Diesen schönen Traum träumte kürzlich bereits die Zeitschrift Spex angesichts der Rockband TV On The Radio.

Dem Magazin Park Avenue gewährte der eben 60 Jahre alt gewordene Marius Müller-Westernhagen eine Audienz. Ähm, Westernhagen, wer war das noch mal? Ein Deutschrocker, erklärt Felix Hutt, "der uns den Stilisten, Schnösel, Rockpopper, die Diva machte, der für die 90er-Jahre stand wie Pulp Fiction, der die Freiheit besang, die Dicken und Johnnie Walker".