ZEIT ONLINE: Herr Kramarz, der britische Gitarrist Gary Moore hat in seinem Hit Still Got The Blues die Melodie einer Krautrockband verwendet. Der Bandleader Jürgen Winter hat ihn verklagt und nach acht Jahren endlich Recht bekommen. Was war das für eine Gruppe?

Volkmar Kramarz: Jud’s Gallery war eine kleine süddeutsche Kombo, völlig unbekannt. Deshalb ist das für Gary Moore wie eine Majestätsbeleidigung. Wäre es eine Hamburger, Hannoveraner oder Berliner Band – aber aus dem Schwarzwald! Das ist schlimm.

ZEIT ONLINE: Welche Beziehung haben Sie zu Gary Moore?

Kramarz: Bis zum Jahr 2000 habe ich ihn oft interviewt. Wir haben lange Features fürs Radio gemacht. Deshalb finde ich es auch ein bisschen schade, dass ich als Kronzeuge in diesem Prozess gegen ihn aussagen musste. Ich würde mich als seinen freundschaftlichen Bekannten bezeichnen und wollte nie das Messer an seine Kehle setzen.

ZEIT ONLINE: Der gesamte Prozess dreht sich um den Sommer 1974, den Gary Moore in Deutschland verbracht haben soll. Was erinnern Sie davon?

Kramarz: Eines sage ich immer über diese Zeit: Wer behauptet, er sei 1973 und 1974 live dabei gewesen und könne sich an alles erinnern, war nicht dabei. Das waren wirklich wilde Jahre. Wir waren total stoned, hatten lange Haare, die Mädels entdeckten die Pille, wir spielten Gitarre und wurden bewundert. Das alles in großer Armut. Eine unvergessliche Zeit, aber fragen Sie nicht nach Details, die gehen völlig im Nebel unter.

ZEIT ONLINE: Sie als Kronzeuge im Prozess mussten sich doch an die Details erinnern.

Kramarz: Ich spielte damals Gitarre in einer Band namens Richie Tink. Wir hatten gerade einen neuen Roadie aus London bekommen, Bill hieß er. Über ihn lernten wir Gary Moore kennen, damals schon ein großer Gitarrist in England. Den Sommer 1974 hat er mit uns in Bonn verbrachte. Er wohnte bei einem Bandkollegen, Bill wohnte bei mir. Und dann haben wir miteinander gespielt und geprobt. Es war eine sehr intensive Zeit mit ihm, die mich sehr geprägt hat. Ich habe schon oft geschrieben, dass ich stolz bin, so viel von ihm gelernt zu haben.

ZEIT ONLINE: Und in diesen Wochen muss er irgendwie, irgendwann das Lied Nordrach von Jud’s Gallery gehört haben, das er 16 Jahre später in seinem Stück Still Got The Blues wieder aufgegriffen hat.

Kramarz: Ja, aber Gary leugnet das. Habe ich also meine Biografie erlogen? Eher müsste er sich fragen, warum er gesagt hat, er sei 1974 nicht in Deutschland gewesen.

ZEIT ONLINE: Sie haben später über Harmonieanalyse promoviert. Dann ist dieser Fall wohl umso spannender für Sie.

Kramarz: Schon in besagtem Sommer habe ich mit Gary viele Harmonien, Akkorde, Formeln und Kombinationen gespielt und diskutiert. Seine Lieblingsformel war die von When Autumn Leaves, ein berühmtes Schema. Wir haben immer nach einer Melodie dazu gesucht. Und als ich dann 1990 Still Got The Blues hörte, dachte ich: "Herzlichen Glückwunsch, Gary. Du hast sie endlich gefunden!"