ZEIT ONLINE: In Köln sind Sie gerade mit dem Ehrenpreis für ihr Lebenswerk ausgezeichnet worden. Als Sie Ende der sechziger Jahre nach München kamen und mit Wim Wenders , Thomas Schamoni, Klaus Lemke und anderen Vertretern des "Neuen Deutschen Films" zusammengearbeitet haben, erlebten Sie eine der spannendsten Phasen des Deutschen Films. Was wäre passiert, wenn Sie 40 Jahre später in München angekommen wären?

Peter Przygodda: Wenn meine Großmutter Räder gehabt hätte, wäre sie ein Omnibus gewesen.

ZEIT ONLINE:  Damals fand ein Paradigmenwechsel statt, erzählerisch und filmsprachlich.

Przygodda: Diese Art von Interpretation kann nur aus dem zeitlichen Abstand entstehen. Damals war "Opas Kino" tot, da hatte sich etwas Neues formiert. Das ist bei jedem Generationswechsel so. Einer der Unterschiede zu heute ist, dass sich die Industrie ihren eigenen Nachwuchs herangezogen hatte. Ich habe nicht nur geschnitten, sondern auch Ton gemacht, Continuity und Regieassistenz. Das war eine einzigartige Ausbildung, nicht zu vergleichen mit der auf einer Hochschule heutzutage.

ZEIT ONLINE:  Sie sind seit 15 Jahren Honorarprofessor an der Filmhochschule in München. Wie gefällt Ihnen das, was Sie dort sehen?

Przygodda: Für mich wird dort eine Art von Beliebigkeit und Normierung kultiviert. Das ist nicht allein der Fehler der Studenten, sondern vor allem der Institutionen. Meiner Meinung nach sollten die Studenten erst einmal drei Tage lang ohne Kamera mit der U- oder S-Bahn fahren und sich Gesichter angucken. Sie sollten erst einmal etwas über sich herausfinden, indem sie sehen lernen.

ZEIT ONLINE: Aber die Ökonomie spricht dagegen ...

Przygodda: Ja, die wollen ja alle – auch die Schulen – eigenen Erfolg haben, von Sponsoren angefangen. So fängt die Nivellierung schon bei der Ausbildung an. Für mich sind Hochschulen Ausbildungsstätten für Fantasie. Das setzt sich natürlich nicht in Zahlen oder in Werbewirksamkeit um. Dazu kommt, dass es in Deutschland keinen Unterschied mehr zwischen Kino- und Fernsehfilmen gibt. Sie sehen im Kino Fernsehfilme und im Fernsehen Kinofilme. Das ist alles austauschbar. Die Filmsprache ist die gleiche geworden. Das gilt auch für die Erzählungen. In Italien und Frankreich ist das noch anders.