Machtdemonstration oder Zeichen völligen Realitätsverlustes? Die politische Elite und isländische Bevölkerung rätseln darüber, wie sie die jüngsten Äußerungen des Zentralbankchefs David Oddsson deuten sollen. Falls er gezwungen werde, seinen Posten zu räumen, hatte der ehemalige Ministerpräsident in einem Interview gesagt, gehe er zurück in die Politik. Die Demonstranten, die sich auch an diesem Samstag zum wöchentlichen Aufmarsch im Stadtzentrum von Reykjavík treffen, waren entsetzt. Schließlich wollen sie Oddsson und die Regierung abgesetzt sehen, ganz gewiss aber wollen Islands derzeitig meist gehassten Mann nicht zurück auf der Regierungsbank sehen.

Das dürfte die Mehrheit der Wähler ähnlich sehen. Schließlich sind in Oddssons Regierungszeit die Banken privatisiert worden, die jetzt wieder verstaatlicht wurden. Er und sein Finanzminister und Parteifreund, der jetzige Premier Geir Haarde, waren es auch, die versäumten, strenge Regelungen für den Finanzmarkt zu erlassen. Nur so hätte die derzeitige Krise verhindert werden können, meinen Kritiker.

Was aber will Oddsson wirklich? Vermutlich machte er in dem Interview nur das publik, was er Ministerpräsident Haarde schon seit längerem gesagt hat: Wenn Du mich als Chef der Zentralbank entlässt, werde ich dafür sorgen, dass Du nicht mehr lange Ministerpräsident bist.

Dass die beiden eine alte politische und private Freundschaft verbindet, ist dabei egal. Die Sicherung von Macht und Einfluss steht über allem. "Seine Androhung ist nur Taktik", meint auch Auðunn Arnórsson, Journalist bei der Zeitung Frettabladid. Denn Haarde steht den Plänen Oddsson für eine Rückkehr in die Politik skeptisch gegenüber, schließlich macht der ihm nur Konkurrenz. Und so wird Islands Zentralbank so bald wohl keinen neuen Chef bekommen.

Gerade wegen dieser Posse fühlen sich viele Isländer vollends von der Politik an der Nase herumgeführt. Dennoch lenkten Oddssons Spielchen die 320.000 Einwohner des Inselstaates im Nordatlantik nur kurz von den großen Problemen ihres Staates ab: die derbe Rezession, in die das Land gerutscht ist. "Wir sind in der tiefsten Krise, die das Land in der jüngeren Geschichte hatte", sagt der Wirtschaftswissenschaftler Jón Sæmundur Sigurjónsson.

Betroffen sind alle, denn der Verfall der isländischen Krone hat die Preise explodieren lassen. Im November betrug die jährliche Inflationsrate 17 Prozent. Die Isländer verzichten zunehmend auf Importwaren und kaufen vermehrt heimische Produkte: Kartoffeln und Lamm aus Island statt Reis und exotische Früchte. "Dennoch: Die Panik ist mittlerweile abgeklungen. Anfangs hatten die Leute noch eine deutliche Tendenz zum Hamstern", sagt Sigurjónsson.