Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Auf Bundeskanzlerin Angela Merkel sind wichtige europäische Figuren derzeit nicht gut zu sprechen. Davon zeugt nicht nur die wenig diplomatische Bemerkung von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, dass sein Land handele, während Deutschland nachdenke. Quer durch Europa verpasste die Presse der Bundeskanzlerin den Titel "Madame No", und es ist ein offenes Geheimnis, dass auch die einst persönlich guten Beziehungen zwischen Merkel und dem britischen Premier Gordon Brown ein wenig abgekühlt sind.

Wie könnte es auch anders sein. Die Auffassungen dieser beiden Regierungschefs darüber, wie denn die Welt am besten zu bewahren sei vor einer tiefen Depression, liegen nun mal ziemlich weit auseinander. Die deutschen Maßnahmen zur Ankurbelung der Konjunktur nehmen sich im innereuropäischen und internationalen Vergleich eher bescheiden aus. Vorsicht ist Merkels oberstes Gebot. Die Neuverschuldung soll sich in engen Grenzen halten, das Ziel der Haushaltskonsolodierung nicht aufs Spiel gesetzt werden. Das Motto der Deutschen erinnert den britischen Unternehmensberater David Marsh, einem ausgewiesenen Kenner der deutschen Psyche, an Konrad Adenauers Wahlslogan "Keine Experimente".

Dagegen hat sich der britische Premier dazu entschlossen, zu klotzen und das ohne Rücksicht auf die Höhe der Verschuldung. Das britische Haushaltsdefizit wird durch die Mixtur aus Steuersenkungen, Rettungsaktionen für Banken und Konjunkturprogrammen, bald acht Prozent des Bruttosozialprduktes erreichen - eine Rekordsatz, der Browns einstiges Mantra von "Prudence", von Vorsicht, mit der er innenpolitisch wie auf internationaler Bühne lange Jahre Eindruck machte, Lügen straft. Immerhin kann Brown darauf verweisen, dass außergewöhnliche Umstände drakonische Maßnahmen erzwingen.

Für seinen Kurs erhält er international wie europaweit eine Menge Zuspruch. Was auch der Tatsache zu entnehmen ist, dass beim britisch-französischen Gipfel am kommenden Montag, eigentlich eine Routineangelegenheit, sich nun auch noch José Barroso, Präsident der EU-Kommission, dazu gesellen wird. Damit aber gewinnt die ganze Angelegenheit eine neue Dimension. Das Treffen mutiert zum ökonomischen Krisengipfel. Unter Aussschluss des wirtschaftlich bedeutendsten Landes Europas. Zudem sieht es so aus, als sei Merkels Anwesenheit in London überhaupt nicht erwünscht, schlimmer noch, als werde die Bundeskanzlerin von Brown, Sarkozy und Barroso absichtvoll brüskiert.

Die Medienmeute, der die Personalisierung von sachlichen Meinungsverschiedenheiten immer willkommen ist, tut das ihre, um den Konflikt weiter anzuheizen. Regierungssprecher waren gezwungen, die Behauptungen vom "snub", vom Kopfstoss für Merkel, zu dementieren; zugleich konnten sie selbst es nicht lassen, durch interpretierungsfähige Bemerkungen selbst ein bisschen Öl ins Feuer zu giessen. So können aus sachlichen Differenzen leicht handfeste europäsche Streitereien werden.