Drei Tage, nachdem britische Provider die Online-Enzyklopädie Wikipedia wegen des Vorwurfs der Kinderpornografie auf eine Filterliste gesetzt hatten, haben die Netzzensoren nachgegeben. Es war ein ungleicher Kampf: auf der einen Seite der Hort freien Wissens, eine der bekanntesten und beliebtesten Seiten des gesamten Internets. Auf der anderen Seite die Internet Watch Foundation (IWF): eine kleine Branchenorganisation ohne rechtliche Autorität und mit wenigen Mitarbeitern.

Die Sperrung wurde deshalb nur kurze Zeit aufrecht erhalten. Am Samstag hatten Wikipedianer erstmals bemerkt, dass etwas nicht stimmte. Viele der freiwilligen Lexikonautoren konnten plötzlich nicht mehr an den Wikipedia-Artikeln mitarbeiten. Schon bald fanden sie die Ursache: Die britische Internet Watch Foundation hatte Wikipedia auf die Liste der potenziell illegalen Webseiten gesetzt. Der Artikel über das Album Virgin Killer der Band Scorpions wurde für britische Nutzer ausgeblendet. Der Grund: Das 32 Jahre alte Cover zeigt ein etwa zwölf Jahre altes nacktes Mädchen.

Die Wikimedia Foundation, die Wikipedia betreibt, wurde von der Maßnahme nicht unterrichtet. Kein Richter entschied, dass der Wikipedia-Artikel für britische Internet-Surfer nicht mehr sichtbar sein sollte. Die Begründung für den Eingriff in die Informationsfreiheit: Bei dem Bild könnte es sich um eine illegale Abbildung handeln. Der Artikel wurde katalogisiert, in eine Filterliste aufgenommen und an die Provider weitergegeben. Wer fortan die Seite von Großbritannien aus aufrufen wollte, bekam meist nur eine nichtssagende Fehlermeldung. Oder einfach eine leere Webseite. Die Netzzensoren arbeiten gerne ohne öffentliches Aufsehen.

Dass die IWF die Sperre am Dienstag aufgehoben hat, liegt nicht an der Einsicht, dass das Bild keinen – zumindest keinen sichtbaren – sexuellen Missbrauch zeigt und der Wikipedia-Artikel die Kontroverse um das Bild ausführlich und unvoyeuristisch beschreibt. Stattdessen wurde der öffentliche Druck auf die bisher eher unbekannte Organisation immer höher.

So wie im Fall des Bundestagsabgeordneten Lutz Heilmann, der vor drei Wochen die Domain wikipedia.de gerichtlich sperren ließ, bekam die Branchenorganisation den gesammelten Zorn der Netzbürger zu spüren. Tausende von Beschwerden erreichten das Büro, die gesamte Weltpresse berichtete, der gesperrte Wikipedia-Artikel wurde 750.000 Mal aufgerufen. "Das oberste Ziel der IWF ist es, die Verfügbarkeit von unsittlichen Bildern von Kindern zu minimieren. Allerdings haben unsere Bemühungen in diesem Fall den gegenteiligen Effekt bewirkt", bekennt die Organisation.

Der Rückzug bedeutet keinen Politikwechsel des Büros. Jedes Jahr werden hier mehr als 35.000 Beschwerden bearbeitet, laut dem britischen Guardian wird etwa ein Drittel als "potenziell illegal" eingestuft. Also landen jedes Jahr gut 10.000 Seiten auf der Sperrliste. Die illegalen – oder potenziell illegalen – Inhalte bleiben dabei jeweils online, nur werden sie vor britischen Surfern verborgen.