Während im Ausland die Online-Psychotherapie recht unverkrampft erforscht und erprobt wird , sind die Deutschen erheblich kritischer. "Mir ist keine Studie bekannt, die ausreichend die Wirksamkeit dieser Verfahren belegte", sagt Hans-Jochen Weidhaas, der stellvertretende Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung.

Der Verhaltenstherapeut sitzt auch im Gemeinsamen Bundesausschuss, der festsetzt, welche Leistungen von den Krankenkassen übernommen werden. Er möchte seinen Patienten bei der Therapie in die Augen schauen. "Nicht zuletzt, weil Stimme und Körperhaltung dem Geäußerten oft genug widersprechen," sagt er. Außerdem ließe sich die für die Therapie so notwendige Verbindung zum Klienten allein über geschriebene Texte nicht herstellen.

Auch die Züricher Psychologin Birgit Wagner ist der Ansicht, dass zum Beispiel Patienten, die unter Konflikten mit ihren Mitmenschen leiden, in einer traditionellen Therapie besser aufgehoben seien. In anderen Fällen könne die Online-Beratung aber überlegen sein. Interapy etwa heißt eine virtuelle Seelenkur gegen posttraumatische Belastungsstörungen, die schon vor mehr als zehn Jahren in den Niederlanden entwickelt wurde und dort auch von den Krankenversicherungen getragen wird. Wagners Universität hat Interapy übernommen und sich von der Wirkung überzeugt. "Unsere Kontrollstudien entsprechen dem höchsten Forschungsstand", betont die Psychologin.

Die Therapeutin berichtet, wie dringend die an solchen Internet-Therapien beteiligten Psychologen dabei auf eine gute Supervision angewiesen seien. Denn teilweise wären die Berichte von Traumapatienten und Missbrauchsopfern so unmittelbar und drastisch, dass auch die Therapeuten die eindringlichen Bilder nicht so schnell loswürden. So beschrieben Eltern etwa sehr genau, wie sie ihr totes Kind nach dem Autounfall haben daliegen sehen. Missbrauchsopfer schildern von der ersten E-Mail an alle belastenden Details ihres Unglücks.

"Im Mailkontakt fallen die Schilderungen viel direkter aus, weil Scham und Hemmungen wegfallen." Wagner sieht das als Vorteil. Sie verweist zudem auf eine druckfrische Meta-Analyse von Azy Barak und Kollegen von der israelischen Haifa-Universität. Der Überblick fasste die Studien zusammen, die bis 2006 publiziert worden waren – 92 an der Zahl. "Und bis heute können Sie noch etwa das Doppelte dazu zählen", sagt Wagner. Die Forscher fanden heraus, dass die Wirksamkeit der Behandlung im Internet für einige Störungen sogar besser belegt ist als für traditionelle Verfahren.

Mit Blick auf Deutschland verweist Wagner auf das Psychotherapeutengesetz, das sehr strenge Vorschriften für Ausbildung und Praxisbewilligung vorsieht. "Das macht sicher Sinn, erschwert es aber unter Umständen, neue Formen und Angebote zu akzeptieren", sagt er. Psychotherapeut Weidhaas vermutet hinter dem wachsenden Interesse an den Verfahren vor allem Kostengründe. "Die Ferndiagnose ist laut unseres Therapeutengesetzes verboten, und das ist auch gut so," sagt er. Wer so etwas im Netz anbietet, darf es Beratung nennen, nicht aber Therapie. "Ich kann mir schon vorstellen, dass die Begehrlichkeiten groß wären, das aufzuweichen."