Manchmal braucht  große Liebe den Zufall. Wie diesen hier: Vor mehr als 30 Jahren wünschte sich Bernhard Echte ein Buch von Martin Walser. Er bekam jedoch Geschwister Tanner - den Debütroman von Robert Walser, dem Schweizer Schriftsteller. Das Interesse des Jugendlichen war entzündet. Er studierte Germanistik und klopfte beim Robert-Walser-Archiv in Zürich an. Jahre später wurde er dessen Leiter.

Die Flamme lodert bis heute. Auch der Zufall blieb Echtes Weggefährte. Eine ältere Dame sprach ihn am Bahnhofsplatz in Biel an, Walsers Heimatstadt im Berner Seenland. Er sei doch der Bernhard Echte vom Walser-Archiv. Und sie übergab ihm, worauf er nach so vielen Jahren nicht mehr gehofft hatte: Zwei Fotos ihrer Mutter als junges Kindermädchen in langen Zöpfen, Hedwig Schneider, Walsers glühende Liebe. Kaum jemand wusste von ihr, niemand, wie sie aussah. Nun bekam sie ein Gesicht. "Der Zufall", sagt Echte, "braucht Zeit". Er gab ihm 20 Jahre.

Diese 20 Jahre widmete Echte dem Leben und Werk Robert Walsers.  Als besessener Entzifferer der legendären Mikrogramme, dem verstreuten Spätwerk in unlesbarer Kleinstschrift. Als Retter der Villa zum Abendstern in Wädenswil, in der Walsers berühmter Roman Der Gehülfe (1908) spielt. Als sie verfiel, kaufte Echte sie selbst. Er wohnt noch heute darin.

Rund um dessen legendär unstetes und rätselhaftes Leben hat Echte zusammengetragen, was sich nur irgend zwischen Biel, Zürich und Berlin finden ließ, auf Auktionen, Flohmärkten, in Archiven und Bibliotheken. Neue Fotografien von Robert Walser fand er keine. So bleibt es bei den neun aus der schriftstellerisch aktiven Zeit, dazu zwei verschwommene und den späten Fotos Carl Seeligs aus der Anstaltszeit. Darauf eine mehr als 500-seitige Bildbiografie aufzubauen, erscheint verwegen.

Dennoch ist Echte mit seinem Buch Walser so nah gekommen wie noch niemand zuvor. Mit manischer Akribie und verschwenderischer Hingabe ist ihm das lebendigste und intimste Buch über den 1956 einsam im Schnee verstorbenen Dichter gelungen. Viele Fragen ranken sich um  Walsers Leben: Warum blieb ihm um 1910 der nachhaltige Durchbruch in Berlin verwehrt, wo ihn doch Morgenstern, Kafka, Tucholsky, Musil und Hesse bewunderten? Warum folgte nach den raschen ersten kein weiterer Roman, sondern eine unendlich verstreute Zahl kleinster Prosastücke in Feuilletons? War er auf der Flucht vor Erwartung und Erfüllung? Warum blieb Walser seine letzten Lebensjahrzehnte in einer Irrenanstalt?

Das Buch gibt nicht vor, die vielen Rätsel dieses wenig dokumentierten Lebens lösen zu können - Mit seinen 1000 Abbildungen und fast ebenso vielen Texten wählt es die Methode Robert Walsers: das Mosaik. Mit Raum für Zweifel, Widersprüche, Mehrbödigkeit. Eine offene Erkundung, die Festlegungen vermeidet.