Erst kommt die Pflicht, dann folgt die Kür, und deshalb redet Frank-Walter Steinmeier an diesem Montag erst als Dritter auf der Europadelegiertenkonferenz der SPD in Berlin. Eigentlich sollen die 280 Delegierten die Kandidaten der Partei für die Europawahl im kommenden Jahr küren. Doch tatsächlich warten sie vor allem auf eines: auf eine richtungsweisende Rede ihres Außenministers und Kanzlerkandidaten.

Viele Sozialdemokraten waren zuletzt etwas nervös geworden. Angesichts der Finanz- und Wirtschaftskrise und der nicht nachlassenden Probleme in den eigenen Reihen war in der SPD immer häufiger die Frage zu hören: "Wo ist Steinmeier?" Jetzt erhoffen sich die Delegierten genauso wie die Basis von ihm eine Antwort auf die vielen drängenden Fragen.

Doch Steinmeier muss warten. Zunächst mahnt Parteichef Franz Müntefering seine Partei zur Geschlossenheit. Anschließend küren die Delegierten den Vorsitzenden der sozialdemokratischen Fraktion im Europaparlament, Martin Schulz, mit 99,2 Prozent der Stimmen zum Spitzenkandidaten für die Wahl am 7. Juni kommenden Jahres. Erst danach ist die Bühne frei für den Hauptredner des Tages und die sozialdemokratische Hauptperson der kommenden zehn Monate.

Die versprochene große Rede wird es allerdings nicht. Steinmeier kommt zwar schnell zur Sache, und wie zu erwarten war, redet er nur kurz über Europa, aber dafür lange über die Finanzkrise und deren Folgen. Er spricht erstens davon, dass die "Ideologie der Marktradikalen" in den letzten Monaten "wie ein Kartenhaus" zusammengebrochen sei. Er sieht Deutschland zweitens für die Krise "besser gerüstet" als in Krisen der Vergangenheit; Sozialdemokraten in der Bundesregierung hätten dafür in den vergangenen zehn Jahren die Voraussetzungen geschaffen. Und er lehnt drittens Steuersenkungen, die die CSU vehement fordert, kategorisch ab; er nennt sie den "unsozialsten Ansatz", der Krise zu begegnen.

Schließlich, so Steinmeier, profitierten davon vor allem die hohen Einkommen, wohingegen 50 Prozent der Deutschen davon gar nichts hätten, weil sie gar keine Steuern zahlten. Steuersenkungen würden zudem die Handlungsfähigkeit des Staates schwächen, sie bedeuteten, dass es weniger Geld für Lehrer, Polizisten und Sozialarbeiter gebe. Steinmeier und die SPD setzen stattdessen auf die Senkung der Sozialabgaben.

Aber einer Antwort auf die entscheidende Frage, die in der Öffentlichkeit seit Tagen heftig diskutiert wird, die Forderung nach einem zweiten Konjunkturprogramm, geht der Kanzlerkandidat aus dem Weg. Er schließt zwar einerseits ein zusätzliches Programm zur Bekämpfung der Rezession nicht aus und plädiert für einen "Investitionspakt von Bund, Ländern und Kommunen", wobei den Städten und Gemeinden eine Schlüsselrolle zukomme, weil sie den Großteil der öffentlichen Aufträge vergeben. Er schließt auch nicht aus, dass die Bundesregierung noch einmal Geld in die Hand nehmen müsse, um die Wirtschaftsstrukturen in Deutschland zu erhalten.