Justin ist ein blasser Junge mit Brille, sieben Jahre alt und in der zweiten Klasse. Er hat zwei kleine Schwestern, die von ihrer Mutter zärtlich geliebt werden. Wendet sich Justin jedoch an seine Mutter, dann wird ihr Ton schrill und hart. Sie tritt und schlägt den Jungen, wenn er nicht aufräumt, den Tisch deckt oder die Spülmaschine leert. Sie verdreht die Augen, wenn er auch Nutella auf sein Brot will, so wie die kleine Schwester. Seit Jahren schon nahm die allein erziehende Mutter ihren Sohn nicht mehr in den Arm. Für sie ist er vor allem ein Problem.

Das alles ist schrecklich genug. Doch es findet vor laufender Kamera statt, zur besten Sendezeit. Die Super Nanny hat den Fall im Sender RTL betreut und erkannt, dass sie hier mit Erziehungstipps nicht helfen kann. Justin kommt in eine Pflegefamilie. Die Mutter selbst bittet das Jugendamt schließlich um Hilfe und versteht allmählich, was sie ihrem Kind angetan hat.

So weit, so gut für Justin. Nur: Darf man so etwas zeigen? Darf man Quote machen mit der traurigen Geschichte eines einsamen gequälten Kindes und seiner überforderten Mutter?

Karsten Paulmann, Mitarbeiter eines Jugendamtes inmitten eines sogenannten sozialen Brennpunktes, sagt ja. Man soll sogar: "Der Film war sehr einfühlsam, er war nicht reißerisch. Es war eine hervorragende Dokumentation über das Versagen auf allen Ebenen."

Es sei völlig unverständlich, wieso nicht schon längst jemand  eingeschritten sei. "Es hätte vorher etwas passieren müssen. Die Misshandlung ging offensichtlich über Jahre, alle wussten davon. Der Junge ist sieben Jahre alt, war in der Kita, geht in die Schule und wurde vom Jugendamt sogar schon betreut." Justin könne nun endlich durch den Druck der Super-Nanny aus einer entsetzlichen Lebenswelt ausbrechen, für die er sich inzwischen selbst verantwortlich fühlte. Die Mutter kann sich ebenfalls Hilfe suchen.

"Wenn eine Mutter, wie in diesem Fall, selbst um Hilfe bittet, findet bei uns sofort eine Krisenkonferenz statt", sagt Paulmann. "Zwei Leute stehen bei der Familie noch am selben Tag vor der Tür." Nicht wie in diesem Fall, in dem die Sachbereiterin der Mutter einen Termin eine Woche später anbot. Doch Paulmann will keine Schuld verteilen. Die Regeln und die personelle Ausstattung seien in den Jugendämtern teilweise verheerend. "Wahrscheinlich haben die Leute genug zu tun, ihre Akten vollzuschreiben."

Sigrid Tschöpe-Scheffler, Professorin an der Fachhochschule Köln am Institut für Kindheit, Jugend, Familie und Erwachsene und eine scharfe Kritikerin des Fernsehformats Super Nanny lobt die Fernsehmacher sogar: "Katharina Saalfrank hat sehr professionell gehandelt. Die Trennung muss nicht für immer sein. Aber es gibt Situationen, wo alle erst einmal zur Ruhe kommen müssen."

Nun sind Tschöpe-Schefflers Bedenken und die anderer Familientherapeuten und Erziehungswissenschaftler gegen die Sendung nicht von der Hand zu weisen. Sie klagen unter anderem an, dass die Kinder vorgeführt werden. Die Angst, die Verzweiflung, aber auch der Trotz von Justin wurde einem Millionenpublikum präsentiert. Eine Problematik, die auch Saalfrank selbst durchaus bewusst ist. Im Gespräch mit ZEIT ONLINE: "Das Persönlichkeitsrecht der Kinder ist immer ein Thema meiner Arbeit. Die Mutter hat sich an die Öffentlichkeit gewandt und wollte das auch unbedingt. Andererseits kann sich nichts verändern, wenn wir nicht hinschauen - dazu gehören auch diese Szenen, die für diesen Jungen ja auch Alltag waren. Es ist und bleibt ein Spagat."

Doch wie verhalten sich Mitschüler, Lehrer, Nachbarn dem Kind gegenüber? Wie wird Justin später als Jugendlicher oder Erwachsener damit zurechtkommen, dass er als Kind öffentlich zur Schau gestellt wurde?