Horst Seehofer ist immer für eine Überraschung gut, so kennt man ihn schon lange. Seit Tagen hatte er heftig gegen die Krisenpolitik von Angela Merkel vom Leder gezogen, ihr gefährliches Zögern bei weiteren Konjunkturhilfen vorgeworfen und gar mit seinem Fernbleiben beim Koalitionstreffen am 5. Januar gedroht, wenn die Kanzlerin nicht einlenke – zu  wachsendem Zorn in der CDU-Spitze.

Für diesen Freitag hatte Seehofer schließlich, als vorläufigen Höhepunkt, eine "Brandrede" in Berlin ankündigen lassen. Als er dann aber anlässlich des zehnjährigen Bestehens der bayerischen Landesvertretung zu seinem ersten großen Auftritt als bayerischer Ministerpräsident in die Hauptstadt kam, fiel die Philippika aus. Stattdessen erging er sich in launigen Betrachtungen über das Wesen des Föderalismus, das Verhältnis von Preußen und Bayern und einigen ihm typischen Randbemerkungen nach dem Motto: Die Bayern wollen nicht nur gestalten, sondern auch "schon bestimmen".

Auf den Streit mit der Kanzlerin ging der CSU-Chef nicht direkt ein. Er warb lediglich mit Nachdruck dafür, bereits im Januar zusätzliche Konjunkturmaßnahmen auf den Weg zu bringen. "Das Frühjahr kommt zu spät", kommentierte er die Linie von Merkel und Finanzminister Peer Steinbrück, erst die Wirkung des ersten Konjunkturpakets und die weitere Entwicklung abzuwarten.

Bei einem anschließenden Pressegespräch zeigte sich Seehofer zuversichtlich, dass es sowohl innerhalb der Union als auch in der Großen Koalition Anfang kommenden Jahres eine Verständigung über ein zweites Konjunkturpaket geben werde. "Wir werden am 5. Januar eine Linie der Regierung vereinbaren." Die unterschiedlichen Vorstellungen könne man "zusammenführen".

Gleichzeitig erneuerte er seine Forderung nach sofortigen "kräftigen Steuersenkungen". Bei der Höhe ist er aber offenbar bereit, Abstriche zu machen. Hatte Wirtschaftsminister Michael Glos, mit seiner Unterstützung, am Donnerstag noch ein Volumen von 25 Milliarden Euro verlangt, sprach er jetzt nur noch von "mindestens" zehn Milliarden Euro.

"Wir haben kein Interesse am Konflikt" versicherte Seehofer. "Ich möchte, dass wir das Schulter an Schulter machen." Damit versuchte er entweder, den auch persönlichen Konflikt mit Merkel abzumildern, oder es war eine Reaktion auf Signale aus dem Kanzleramt.