Als ich dieser Tage verschnupft durchs Treppenhaus schlurfte, schoss Sven aus seiner Wohnungstür, auf dem Arm seinen sechzehnmonatigen Sohn Frederik.
"Bitte bleib!", rief Sven, als ich ausweichen wollte. "Du bist doch krank? Ein wandelnder Infektionsherd?"
"Tut mir leid ...", schniefte ich.
"Nein, das ist gut!", rief Sven und hielt mir seinen Sohn dicht vors Gesicht. "Könntest Du Frederik anstecken?"
"Was?", fragte ich.
"ANSTECKEN!", wiederholte Sven. "Nies ihn an, küss ihn! Wir können auch zusammen Fahrstuhl fahren, dort sollen sich Viren besonders gut halten."
"Notfalls", ergänzte Svens Frau Maja und trat aus der Tür, "könntest du ihm gebrauchte Taschentücher zum Spielen mitgeben, obwohl ich das nicht sehr hygienisch finde ..."

"Aber – warum?", stotterte ich.
"Ganz einfach", sagte Sven. "Du weißt doch, dass wir beide arbeiten. Und dass Majas Tante tagsüber auf Frederik aufpasst, bis er in die Krippe kommt?"
Ich nickte.
"Okay", sagte Sven. "Aber jetzt ist Majas Tante krank. Sie liegt im Bett. Und wir haben niemanden, der auf Frederik aufpasst!"

"Aber", sagte ich, "kann nicht einfach einer von Euch ..."
"Einfach? Ausgeschlossen!", sagte Sven. "Wir müssen Urlaub nehmen. Aber nur noch ich habe einen Tag. Einen einzigen ..."
"Könnt Ihr nicht mit euren Chefs reden?", fragte ich.
Beide schüttelten den Kopf.
"Das kann doch nicht sein", sagte ich. "Es gibt sicher einen Rechtsanspruch ..."
"Eben nicht!", rief Sven, "Maja oder ich dürfen nur bei Frederik bleiben, wenn ER krank ist. Nicht, wenn seine BETREUERIN krank ist. Verstehst du endlich? Frederik muss krank werden!"
Wir fuhren sechsmal im Fahrstuhl auf und ab, wobei ich mich bemühte, mehrfach zu niesen. Zum Abschied herzte und küsste ich den Kleinen und überreichte ihm ein benutztes Taschentuch. Ich benötigte viel Rotwein, um mein schlechtes Gewissen zu ertränken.

"Es war umsonst", sagte Sven, als er morgens um sechs klingelte. "Frederik hüpft kerngesund im Bett auf und ab. Du bist hoffentlich noch ansteckend?"
Bedauerlicherweise schien ich auf dem Weg der Besserung zu sein. Selbst als ich eine Viertelstunde mit nacktem Oberkörper auf dem winterlichen Balkon ausharrte, brachte ich nur einen schwachen Nieser zustande. Als ich ging, fiel mir allerdings ein, dass ich mich gestern über den EDV-Berater von gegenüber geärgert hatte, der beim Bäcker die Vollkornbrötchen haltlos niesend mit einem Tröpfchenregen überzog. Sven stürzte los, um ihn zu holen.

Kaum war ich in der Redaktion, rief Sven wieder an. Er klang leicht panisch: Der EDV-Berater hatte versagt, daraufhin hatte er Frederik auf dem Spielplatz an sämtlichen Geräten lecken lassen, offenbar ebenso erfolglos. "Wir werden jetzt alle Kinderarzt-Wartezimmer der Umgebung abklappern und ich lasse ihn mit den kränksten Kindern spielen und die Schnuller tauschen", schloss Sven. "Sonst bleibt uns nur noch die Infektionsabteilung des Tropeninstituts ..."

Ich rief bei der Pressestelle des Familienministeriums an und erläuterte das Problem.
"Was kann der Staat dafür, wenn jemand seine Kinderbetreuung nicht geregelt kriegt?", fragte der Pressesprecher.
"Aber unsere Familienministerin will doch Familie und Beruf vereinbaren!", rief ich. "Lässt sie die Eltern in so einer Lage mutterseelenallein?"
"Natürlich nicht!", sagte der Pressesprecher. "Aber jeder Berufstätige kann doch behaupten, eine erkrankte Tante habe sein Kind betreut und er müsse deswegen nun zu Hause bleiben. Und wenn das aber nicht stimmt? Wenn das Kind sich heimlich selber betreut?"
"Ein sechzehnmonatiges Kind!", rief ich. "Meinen Sie das ernst?"