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ZEIT ONLINE: Wie sieht die Lage im Gaza-Streifen am vierten Tag der israelischen Luftangriffe aus?

Knut Dethlefsen: Die Lage im Gaza-Streifen ist katastrophal. Allein in der Nacht zum Dienstag gab es 100 israelische Angriffe auf den Gaza-Streifen von F16-Bombern, Kampfhubschraubern und von Kriegsschiffen. Die Zahl der Toten seit Beginn der Luftangriffe am Sonnabend schwankt zwischen 300 und 400, mehr als 1600 Menschen sind verletzt.

ZEIT ONLINE: Wie funktioniert die Versorgung der Verwundeten?

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Dethlefsen: Im Gaza-Streifen gibt es nur wenige Krankenhäuser mit einer Intensivstation. Diese sind der großen Zahl an zum Teil schwer verwundeten Opfern nicht gewachsen. Viele schweben in Lebensgefahr. Es sind gestern und heute einige Hilfslieferungen angekommen, in den Kliniken fehlen aber zahlreiche Medikamente. Die Vereinten Nationen verfügen über eine eigene Infrastruktur, und auch die Hilfsorganisationen Internationales Rotes Kreuz und Roter Halbmond sind vor Ort. Doch seit zwei Monaten lassen die Israelis fast keine Lieferungen in den Gaza-Streifen hinein, und so stehen die Lager so gut wie leer.

ZEIT ONLINE: Wie kann den Verletzten geholfen werden?

Dethlefsen: Israel muss die Blockade des Gaza-Streifens zumindest teilweise aufheben. Seit eineinhalb Jahren ist der Gaza-Streifen abgeriegelt. Beide Seiten sollten sich möglichst schnell auf eine Waffenruhe einigen. Solange das nicht gelingt, brauchen wir einen humanitären Korridor, der eine Versorgung der zahlreichen Verletzten und andere humanitäre Hilfsleistungen ermöglicht.

ZEIT ONLINE: Treffen die Angriffe tatsächlich Hamas?

Dethlefsen: Die israelische Luftwaffe hat einen großen Teil der Infrastruktur zerstört und auch Gebäude der Polizei, die von Hamas kontrolliert wird. Doch die Führung von Hamas ist abgetaucht und bereitet ihre rund 20.000 Kämpfer auf eine israelische Bodenoffensive vor. Getroffen wird vor allem die Zivilbevölkerung.

ZEIT ONLINE: Warum können die Hamas-Einrichtungen nicht zerstört werden, ohne dass so viele Zivilisten zu Schaden kommen?

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Dethlefsen: Der Gaza-Streifen ist eine der am dichtesten besiedelten Regionen der Welt. Alles liegt dort sehr dicht beieinander. Und da die israelische Armee auch Wohnhäuser angreift, in denen Hamas-Mitglieder wohnen, werden auch deren Nachbarn getroffen. Am Sonnabend bombardierten Kampfflugzeuge um 12 Uhr eine Polizeiwache, zur selben Zeit schließen die Schulen. Bei dem Angriff starben beispielsweise sieben Schüler und ein Lehrer einer Schule des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNWRA).

ZEIT ONLINE: Gibt es für die Zivilbevölkerungen einen Schutz vor den Bomben?

Dethlefsen: Im Gaza-Streifen sind keine Luftschutzkeller vorhanden. Die Familien hocken in ihren Häusern und wissen nicht, wo sie Schutz suchen sollen.

ZEIT ONLINE: Wie groß sind die Schäden im Gaza-Streifen?

Dethlefsen: Zahlreiche Wohnhäuser liegen in Trümmern, auch Schulen und sechs Moscheen wurden zerstört. Die Islamische Universität wurde dem Erdboden gleichgemacht. Das war keine militärische Ausbildungsstätte der Hamas, sondern eine Hochschule.

ZEIT ONLINE: Wie reagieren die Palästinenser im Westjordanland auf die Angriffe?

Knut Dethlefsen leitet das Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung in den Palästinensischen Gebieten © privat

Dethlefsen: Es gibt unter den Palästinensern ein starkes Gefühl, dass Israel sie alle angreift. Es gab zahlreiche Demonstrationen gegen die Luftangriffe, auch in Israel. Dort leben immerhin rund eine Million Palästinenser mit israelischem Pass. Bei den Kundgebungen gab es auch Ausschreitungen, die gesamte Region wird destabilisiert. Denn auch in den Hauptstädten der arabischen Nachbarstaaten protestierten Tausende gegen Israels Angriffe auf den Gaza-Streifen.

ZEIT ONLINE: Und welche Reaktionen registrieren Sie bei den Israelis?

Dethlefsen: In Israel gibt es Intellektuelle, die gegen die Luftangriffe sind. Sie äußern sich etwa in der Tageszeitung Haaretz. Der Großteil der Bevölkerung steht aber vermutlich hinter einer Politik der harten Hand. Sie verspricht sich so ein Ende der Raketenangriffe durch Hamas. In Israel herrscht Wahlkampf, da will kein Politiker Schwäche zeigen, und so unterstützen linke und rechte Politiker die Luftschläge.

ZEIT ONLINE: Wie wahrscheinlich ist ein israelischer Einmarsch?

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Dethlefsen: Meinen Informanten im Gaza-Streifen zu Folge sind bereits 100 israelische Panzer über die Grenze gefahren, aber noch nicht tief in den Gaza-Streifen vorgestoßen. Da Hamas gemeinsam mit dem Islamischen Dschihad in der Nacht dutzende Raketen auf Israel geschossen hat, ist eine Bodenoffensive sehr wahrscheinlich.

ZEIT ONLINE: Was bezweckt die israelische Armee mit einem Einmarsch?

Dethlefsen: Ziel ist, Hamas auszuschalten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Israel den Gaza-Streifen erneut dauerhaft besetzen will.

ZEIT ONLINE: Kann die israelische Armee diesen Konflikt gewinnen?

Dethlefsen: Militärisch ist Hamas nicht auszulöschen. Die israelische Armee kann die Organisation mit ihren Angriffen schwächen, wertet sie aber gleichzeitig politisch auf. Dieser Wahnsinn muss aufhören.

ZEIT ONLINE: Sehen Sie einen Ausweg aus diesem Konflikt?

Dethlefsen: Die Europäer könnten gemeinsam mit der Türkei die Vermittlerrolle übernehmen. Die Türkei unterhält gute Verbindungen zu Israel, findet aber auch innerhalb von Hamas Gehör. Türkische Politiker sind bereits in der Region unterwegs. Und auch England und Frankreich haben sich eingeschaltet. Da die US-Administration wegen des anstehenden Präsidentenwechsels nicht handlungsfähig wirkt, ist Europa jetzt in der Pflicht, eine stärkere Rolle zu übernehmen.


Knut Dethlefsen leitet das Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung in den Palästinensischen Gebieten. Er lebt und arbeitet in Ost-Jerusalem.

Die Fragen stellte Hauke Friederichs.