ZEIT ONLINE: Zum ersten Mal seit sieben Jahren sinken die chinesischen Exporte. Viele Fabriken mussten bereits schließen, das Wachstum verlangsamt sich. Im kommenden Jahr, sagt die Weltbank, wird China nur noch um 7,5 Prozent wachsen. Was sind die Folgen für das Land?

Justin Yifu Lin: Der Arbeitsmarkt gerät unter Druck, Arbeitsplätze werden abgebaut. Deshalb versucht die chinesische Regierung, mit einem Konjunkturpaket die Wirtschaft anzukurbeln.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet es, in China seine Stelle zu verlieren?

Lin: Für die Menschen dort ist der Arbeitsplatz die wichtigste soziale Sicherung. Ohne ihn geraten sie in eine sehr schwierige Lage. Die chinesische Regierung unterstützt sie aber finanziell, falls ihr Einkommen unter ein bestimmtes Mindestniveau fällt. Diese Grundsicherung gibt es seit einigen Jahren.

ZEIT ONLINE: Westliche Medien berichten über Proteste von Entlassenen. Reicht die Grundsicherung aus?

Lin: Wenn die Leute arbeitslos werden, verschlechtert sich natürlich ihre finanzielle Lage. Deshalb kommt es zu Protesten. Aber sie treten eher sporadisch auf; das ist kein flächendeckendes Phänomen.

ZEIT ONLINE: Wie wirkt die Krise darüber hinaus?

Lin: Die gegenwärtige Lage gibt der chinesischen Regierung eine wichtige Chance. Sie kann jetzt ein Investitionsprogramm verabschieden, das sie schon vor einigen Jahren auflegen wollte. Chinas Wachstum war in den vergangenen Jahren beeindruckend, aber zugleich ist die Kluft zwischen Arm und Reich sowie Stadt und Land gewachsen. Die Regierung wollte schon im Jahr 2002 dagegen vorgehen. Durch Investitionen in Infrastruktur, öffentliche Versorgungseinrichtungen, Bildung und Gesundheit sollte der ländliche Raum unterstützt werden. Außerdem sollte das soziale Sicherheitsnetz auf dem Land verbessert werden.

ZEIT ONLINE: Wenn die Investitionspläne schon sechs Jahre alt sind, warum wurden sie bisher nicht umgesetzt?

Lin: Von 2003 und 2007 stiegen die Investitionen ohnehin zu schnell. Die Wirtschaft war überhitzt. Sie wuchs durchschnittlich um elf Prozent. Das liegt weit über der durchschnittlichen Wachstumsrate der vergangenen dreißig Jahre, die 9,7 Prozent beträgt. Zusätzliche staatliche Investitionen hätten das noch befeuert, deshalb konnte die Regierung ihr Programm nicht implementieren. Jetzt, wo die Wirtschaft langsamer wächst, bietet sich die Chance, das zu tun.