Endlich einmal, und das rein zufälligerweise kurz vor Weihnachten, brechen Politiker eine Lanze für eine schweigende, oft zweifelnde Mehrheit: die Kirchensteuerzahler! Baden-Württembergs CDU-Vorstand Thomas Volk nämlich will zur Christmette am 24. Dezember am liebsten nur noch Kirchensteuerzahler in die Gotteshäuser lassen. Und Berlins FDP-Chef  Martin Lindner schlägt vor, zur Weihnachtszeit Sitzplätze in überfüllten Kirchen ausschließlich für Kirchenmitglieder zu reservieren.

Zwei Vorschläge, über die sich vor allem Menschen aufregen, die längst aus der Kirche ausgetreten sind, um sich die Steuern fürs neue Auto aufzusparen. Die aber ein einziges Mal im Jahr, nach Familie, Gänsebraten und Bescherung, die ganze Kirchenfolklore doch nicht missen mögen.

Emotionen hin oder her – es hat durchaus eine gewisse Logik, zuerst diejenigen im Gotteshaus Platz nehmen zu lassen, die mit ihren Steuern ohnehin die Kirchenbänke bezahlt haben – das ist bei der Jahresfeier des Schützen- oder Tierschutzvereins auch nicht anders. Sicher, über die allgemeinen Steuern zahlen auch diejenigen Geld an die Kirchen, die nicht explizit Kirchensteuer bezahlen – aber doch deutlich weniger. Die Vorschläge der beiden Herren Volk und Lindner würden also für ein klein wenig mehr Gerechtigkeit sorgen.

Doch was ist mit all den anderen Sonn- und Feiertagen abseits des Weihnachtsfestes? Wäre es nicht nur gerecht und billig, denjenigen, die im Schnitt 70 Prozent des Kirchenetats beisteuern, etwa auch zu Ostern einen Sitzplatz zu garantieren? Dies hätte wegen der dann relativ leeren Gotteshäuser zwar allzu oft einen eher symbolischen Wert, aber wäre es trotz allem nicht eine schöne Anerkennung? Und – findige Kirchenhaushälter aufgepasst – je nach Höhe der bezahlten Steuer ein Sitzplatz mit Messingnamensschild, Lederkniekissen, Heizung und persönlich überreichten und signierten Gesangbuch?

Das wahre Potenzial des schwarz-gelben Vorstoßes ist also ein anderer: Er könnte den Sinkflug der Mitgliederzahlen der Kirchen stoppen. Endlich würde der Kirchensteuerzahler auch in den Augen der Kirchenoberen vom treudoofen, ums Paradies zitternden Untertan zum geschätzten Sinn- und Geldgeber mutieren.