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Israel hat sich dazu entschlossen, einen großangelegten Angriff auf die Hamas-Organisation in Gaza durchzuführen. Dahinter scheint die Idee zu stehen, Hamas durch den Einsatz erheblicher militärischer Stärke, vornehmlich aus der Luft, jedoch mit begrenzten Angriffszielen, soweit zu schwächen, dass sie einer erneuten Waffenruhe zu Israel genehmen Bedingungen zustimmt.

Vom Standpunkt Israels aus gesehen, sind die Anfangsvoraussetzungen günstig: Durch den Angriff am Sabbat gelang Israel eine taktische Überraschung zu einer Zeit, in der der Großteil der Welt noch mit den Weihnachts- und Silvesterfeierlichkeiten beschäftigt ist. Die Vereinigten Staaten unterstützen Israel und befinden sich ohnehin gerade in der Phase zwischen den Amtsperioden.

Premierminister Ehud Olmerts jüngster Besuch in der Türkei war ein Ansporn für Syrien, sich nicht einzumischen. Ägypten teilt Israels Frustration mit der Hamas und gab scheinbar – bedingt durch das Treffen von Israels Außenministerin Zipi Livni mit dem Präsidenten Hosni Mubarak am Vorabend des Angriffs – seinen Segen. Die politische Szene in Israel, sowohl die (zionistische) Linke als auch die Rechte, zeigt ihre Unterstützung und geht sogar so weit, ihren momentan laufenden Wahlkampf zu unterbrechen.

Kaum Alternativen für Israel

Militärisch betrachtet hatte Israel kaum eine andere Alternative, als auf die Raketenangriffe der Hamas zu reagieren. Selbst die ägyptischen Vermittler zwischen Israel und Hamas teilten die Ansicht, dass Letztere die Waffenruhe einseitig gebrochen hätten. Hamas glaubte scheinbar, sie könne ungestraft Raketen auf israelische Zivilisten abfeuern, gleichzeitig Gaza bewaffnen und stärken sowie sich über Ägyptens Einladung zu Verhandlungen bezüglich einer Einheitsregierung mit der in der Westbank ansässigen PLO hinwegsetzen.

Der schwierige Teil für Israel besteht jedoch darin, anzugreifen, etwas zu erreichen und dann wieder abzuziehen. Verteidigungsminister Ehud Barak und der Stabschef der israelischen Streitkräfte Gabi Ashkenazi sind offenkundig nicht darauf bedacht, sich in einen ungewissen Bodenkrieg verwickeln zu lassen, der die israelischen Verluste vervielfachen und zu einer Wiederbesetzung des Gaza-Territoriums führen könnte. Auch ist weder die israelische Öffentlichkeit noch das politische System an einer erneuten, unbefristeten Besetzung von 1,5 Millionen Palästinensern in Gaza oder selbst einem Bruchteil davon interessiert. Andererseits schwebt der Geist von Israels fehlgeschlagenem Krieg gegen Hisbollah im Jahr 2006 über dieser Operation: Sie muss also auf eine Stärkung von Israels abschreckender Wirkung auf militante Islamisten hinauslaufen.

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Letzten Endes bestätigt diese Operation jedoch die Behauptung, die ich in den letzten Wochen und Monaten wiederholt auf den Seiten von bitterlemons.org aufgestellt habe: Weder Israel noch sonst irgendjemand hat eine langfristige durchführbare Strategie für den Umgang mit Hamas in Gaza. Es handelt sich hier um eine militante terroristische Organisation, die ein Stück des palästinensischen Gebietes eingenommen hat, sich jedoch weigert, wie eine souveräne Macht aufzutreten und schlussendlich die Opferrolle und das Märtyrertum ihres Volkes genießt.

Begriffe wie Sieg, Niederlage und Friedensverhandlungen sind hier irrelevant. Bestenfalls wird die Operation "Gegossenes Blei" (der hebräische Ausdruck dafür bezieht sich auf das gegenwärtige Chanukka-Fest, außerdem klingt er als militärische Bezeichnung angemessen) uns einige weitere Monate einer Waffenruhe und eine unsichere Koexistenz zwischen dem islamistischen Gaza und seiner Umgebung bescheren. Allerdings scheint die Operation auch nicht mehr als das erreichen zu wollen.

Was wäre das Schlimmste?

Und was wäre das Schlimmste? Der Angriff auf Gaza könnte die anti-israelischen und anti-westlichen Stimmungen in der gesamten arabischen und muslimischen Welt neu entflammen, vor allem, wenn er, wie Verteidigungsminister Barak droht, noch über Wochen ausgedehnt wird. Unruhen könnten sich in der Westbank und unter palästinensischen Einwohnern Israels ausbreiten. Hisbollah könnte eine zweite Front im Norden eröffnen und Terroristen könnten überall Anschläge verüben. Die Raketen der Hamas werden mit größter Sicherheit auch weiterhin in einem sich ausweitenden Kreis um Gaza herum auf Israel hinabregnen (Israelische Militärplaner, die aus dem zweiten Libanonkrieg gelernt haben, waren darauf bedacht, davor zu warnen, dass diese Operation das Raketenfeuer militärisch nicht beenden kann).

Am Ende könnte Hamas sich weigern, trotz ihrer Verluste einer erneuten Waffenruhe zuzustimmen. Der Krieg in Gaza könnte zu einem großen Wahlkampfthema in Israel werden. Und er könnte zur ersten Krise des Präsidenten Barack Obama werden.

Im Nebel des Krieges erscheinen alternative Strategien weiter entfernt als sonst zu sein. Trotzdem lohnt es sich, sie wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Das Gespräch suchen

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Eine Möglichkeit wäre, die Zufahrtswege nach Gaza wieder zu öffnen und damit die ineffektive Kollektivbestrafung von 1,5 Millionen Gaza-Bewohnern zu beenden, sowie klarzustellen, dass Israel sich nur im Konflikt mit der militärischen und politischen Führung der Hamas in Gaza und anderswo befindet. Dieser Schritt sollte unternommen werden, sobald die Operation beendet ist und Israel wie angenommen in seiner Position gestärkt wurde.

Eine andere Möglichkeit wäre es, direkte Gespräche mit der Hamas zu suchen, basierend auf der Annahme, dass diese Bewegung dauerhaft präsent sein will und nicht ewig ignoriert werden kann. Das ist nicht einfach: Die meisten (aber nicht alle) der Hamas-Führer wollen nicht mit uns reden; diejenigen, die dazu bereit sind, verfolgen eingeschränkte und problematische Ziele, die eine Anerkennung Israels oder Frieden nicht mit einschließen. Außerdem müssen wir vorsichtig sein, um die Führung des palästinensischen Präsidenten Machmud Abbas nicht zu untergraben, da dieser Israel anerkennt und Frieden will. Trotzdem muss diese Option Teil unserer strategischen Ziele werden, wenn auch nur in Form von informellen, inoffiziellen Kontakten.

Schlussendlich, wenn nichts anderes funktioniert und die Raketen der Hamas Israel in einem zunehmend breiteren Radius rund um den Gazastreifen herum treffen, könnte uns vielleicht tatsächlich nur die Möglichkeit bleiben, die wir am meisten fürchten: die Wiederbesetzung eines Teils oder des gesamten Gaza-Streifens mit dem Ziel, Hamas militärisch auszulöschen. Der Preis wären schwere Verluste auf beiden Seiten und eine unbefristete Besetzung ohne Strategie für einen Abzug. Alle würden uns verurteilen, keiner würde sich freiwillig anbieten, uns Gaza abzunehmen. Hamas ihrerseits zählt auf unsere Zurückhaltung, diese Option heraufzubeschwören, die uns und den Nahen Osten 40 Jahre zurückwerfen würde.

Ich wünsche dieser Operation schnellen Erfolg mit minimalen zivilen Verlusten auf allen Seiten. Wenn die Hamas sich nicht um die Bevölkerung von Gaza besorgt zeigt und um eine erneute Waffenruhe bittet, sollte Israel versuchen, alle Operationen für einen Tag auszusetzen und der Hamas mit dieser Geste die Möglichkeit bieten, den Konflikt mit einem Maß an Würde und mit Hilfe von ägyptischen oder quatarischen Vermittlern zu beenden. Trotzdem wird auch unter den besten Umständen nichts davon unser Problem mit der Hamas lösen.

Zuerst veröffentlicht am 29/12/2008 © bitterlemons.org. Übersetzung: Katrin Zabel

Der israelische Sicherheitsexperte Yossi Alpher war Direktor des Jaffee Center for Strategic Studies an der Tel Aviv Universität und ist Mitherausgeber des Nahost-Internetdialogs bitterlemons.org und bitterlemons-international.org