Oliver Happe machte im September Bekanntschaft mit der Bankenkrise. Da trommelte der Vorstand der HSH Nordbank alle Mitarbeiter des Instituts zusammen. Anderthalb Stunden hörten die Banker zu, danach war klar: Die angenehmen Tage bei Deutschlands größtem Schiffsfinanzierer sind gezählt.

Die Worte, die der Vorstand, Hans Berger, an jenem Septembertag wählte, klangen dramatisch: Die Landesbank sei von der Krise der Finanzmärkte schwer betroffen. Eine Milliarde Euro solle das Institut einsparen, davon zwei Drittel beim Personal, ein Drittel bei den Sachkosten. Die Arbeitsplätze von 750 Kollegen stünden auf dem Prüfstand, Auslandsbüros würden ausgedünnt. "Da konnte man durchzählen, jeden Fünften könnte es treffen", sagt der 46-Jährige.

Happe arbeitet seit rund sechs Jahren bei der HSH Nordbank. Er berät Geschäftskunden bei der Organisation ihrer Finanzen und Konten und ist für den Zahlungsverkehr zuständig. Nun erlebt er, wie sein Arbeitgeber in die schwerste Krise der Firmengeschichte schlittert. Das Finanzinstitut, ein Zusammenschluss der Landesbank Schleswig-Holstein und der Hamburgischen Landesbank, ist so schwer getroffen, dass es bereits mehr als eine Milliarde Euro abschreiben musste.

Dabei sah es Anfang des Jahres danach aus, als ob die HSH Nordbank von der amerikanischen Immobilienkrise verschont bliebe. "Da wurden ein paar Millionen abgeschrieben, wir dachten, dass sei nicht so schlimm", sagt Happe. Doch die Lage erwies sich als weitaus gravierender.

Auch Hamburger und Kieler Banker hatten mit komplexen Finanzprodukten an der Wall Street mitgemischt. Sie schusterten komplexe Produkte zusammen, die selbst Experten kaum noch verstanden. Am Ende fanden sich in fast jedem Paket auch amerikanische Immobilien oder Versicherungen, die nichts mehr wert waren. "Wie leere Papiertüten", sagt der Banker.

Happe ist zugleich Betriebsrat und daher unkündbar. "Doch das beruhigt nicht." Seine Frau bangt um ihren Arbeitsplatz, auch sie arbeitet bei der Nordbank. Die Familie fürchtet um ihr Einkommen, im Ernstfall müsste er Frau und Kind allein versorgen.

Plötzlich sind die Sorgen sehr konkret, selbst Happe, der sich zu den Besserverdienenden zählt, denkt jetzt über Begriffe wie Harz IV nach. Auf dem eigenen Häuschen lastet eine Hypothek, andere Jobs in der Bankenbranche werden in den kommenden Jahren wohl schwer zu finden sein. "Der Weg nach unten ist steil und kann sehr schnell gehen."

Seit September fährt jetzt jeden Morgen die Angst mit zur Arbeit. Der interne Stellenmarkt, der bislang rund 300 offene Stellen umfasste, wurde eingefroren. Ehrlicherweise müsse man daher von mehr als nur 1000 Arbeitsplätzen reden, die nun in der Krise verschwinden, sagt Happe.

Offenheit aber sei zurzeit im Unternehmen nicht angesagt. Bislang stehe auch noch immer nicht fest, wie die Arbeitsplätze genau abgebaut werden sollen. Weder der Betriebsrat noch der Aufsichtsrat kenne Details  - und das, "obwohl wir vehement nachgefragt haben".

Die Stimmung hat sich in den vergangenen Wochen sehr verschlechtert. Fast jedes Kundengespräch beginne damit, dass man sich über die aktuelle Krise unterhalte. Das zermürbt. Erst recht, wenn Arbeitsplätze im direkten Umfeld betroffen sein könnten.

Der psychologische Druck mache vielen Kollegen schwer zu schaffen. "Die meisten ziehen den Kopf ein, arbeiten viel und hoffen, dass der Kelch an ihnen vorbeigeht." Zehn-Stunden-Tage seien inzwischen üblich. Vor 18 Uhr verlässt kaum jemand mehr das Firmengebäude. Der nine-to-five-Job bei einer Bank, das war gestern.

Mitte Oktober schöpften die Mitarbeiter neue Hoffnung. Die HSH Nordbank gab bekannt, das Rettungspaket für den Bankensektor in Anspruch zu nehmen. Die Bank werde eine Bürgschaft in Höhe von 30 Milliarden Euro beantragen. "Da haben wir alle durchgeatmet."

Doch die Ruhe währte nur kurz.  Anfang November wurden erste Querelen im Vorstand publik. Vor allem die Anteilseigner, die Länder Hamburg und Schleswig-Holstein, rangelten miteinander. Am 10. November trat der Vorstandsvorsitzende Hans Berger zurück; er habe die Auswirkungen der Finanzmarktkrise falsch eingeschätzt, gab er bekannt. Dieses Jahr wird die HSH Nordbank Verluste einfahren.

Ist Happe auf jemanden wütend? Er muss überlegen. Vielleicht auf die Anteilseigner, die Länder Hamburg und Schleswig-Holstein, sagt er. Beide hätten in den vergangenen Jahren Druck gemacht, immer höhere Renditen zu erzielen. "Dabei ist doch völlig klar: Wenn man viel haben will, muss man auch viel riskieren."

Mit dieser Reportage eröffnen wir die Reihe "Menschen in der Krise". In loser Folge stellen wir Personen vor, die von der Finanz- und Wirtschaftskrise betroffen sind. Nächste Woche: Der Personalmanager.