Noch zeigt sich der deutsche Arbeitsmarkt in erstaunlich guter Verfassung: Die Zahl der Arbeitslosen fiel im Jahresverlauf unter die Marke von drei Millionen. Die Erwerbstätigkeit liegt mit über 40 Millionen im Jahresdurchschnitt auf dem höchsten Stand seit der Wiedervereinigung.

Und doch sind die guten Nachrichten trügerisch. Der Arbeitsmarkt ist ein sogenannter nachlaufender Indikator, er reagiert erst später auf wirtschaftliche Entwicklungen. Die deutsche Wirtschaft schrumpft nun bereits im dritten Quartal hintereinander. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch vom Arbeitsmarkt die ersten Hiobsbotschaften kommen. Schon bald wird die saisonbereinigte Arbeitslosigkeit steigen.

Längst haben wir es nicht mehr mit einem herkömmlichen Abschwung der Konjunktur zu tun. Vielmehr wächst sich die Lage in Folge Finanzmarktdesasters - das noch keineswegs ausgestanden ist - zu einer handfesten Weltwirtschaftskrise aus. Die stark exportabhängige deutsche Volkswirtschaft ist davon besonders betroffen.

Die Arbeitsmarktprojektion des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) unterstellte im Oktober 2008, dass die Wirtschaft im kommenden Jahr im schlimmsten Falle um 0,5 Prozent schrumpfen wird. Die Erwerbstätigkeit würde den Berechnungen zufolge im Jahresdurchschnitt um 140.000 sinken, die Arbeitslosigkeit auf rund 3,4 Millionen steigen.

Aus heutiger Sicht beruhte diese Schätzung jedoch auf zu positiven Grundannahmen. Nachfrageausfälle haben bereits manche Branchen empfindlich getroffen, die Folgen der Kreditklemme treten immer deutlicher hervor. Auch wenn die beherzten Rettungsaktionen der Politik Schlimmeres verhindert haben, ist weiterhin Sand im Getriebe des Finanzsektors. Szenarien, die von einer Schrumpfung des Bruttoinlandsprodukts in einer Größenordnung von zwei bis vier Prozent ausgehen, können nicht mehr ausgeschlossen werden.

Eine solche Rezession von historischem Ausmaß würde den Arbeitsmarkt hart treffen. Wie stark die Arbeitslosigkeit jedoch in einem solchen Falle steigen wird, ist für Prognostiker schwer vorherzusehen. Sie bewegen sich schlichtweg auf unbekanntem Terrain, es fehlt an Erfahrungswissen, auch Modellrechnungen helfen angesichts der Strukturbrüche nicht weiter. In dieser Situation empfiehlt es sich, auf Faustregeln zurückzugreifen. Sie können zumindest Unter- oder Obergrenzen der möglichen Arbeitsmarktentwicklung angeben.