Was normalerweise im Ausland als kleines Randgeschehen in den Nachrichten vermerkt wird, prägt den israelischen Alltag in der Nähe des Gazastreifens seit langem. In dem kleinen Wüstenstädchen Sderot, und mittlerweile auch in Ashkelon leben die Menschen im Rhythmus der "Roten Farbe": So nennt man jenen Raketenalarm, der einem höchstens fünfzehn Sekunden Zeit lässt, um sich vor dem Kassams in Sicherheit zu bringen.

Dass sich die Zahl der Toten und physisch Verletzten in Israel in Grenzen hält, lässt sich aufs pure Glück zurückführen und auf diese von Angstläufen geprägte Alltagsroutine, die mittlerweile Zigtausende von Kindern traumatisiert hat.

Fast zweihundert solche Geschosse und Katjuschas waren innerhalb weniger Tage vom Gazastreifen aus in die Negew-Region abgefeuert worden, nachdem sich die Hamas gegen eine Erneuerung der sechsmonatigen Waffenruhe ausgesprochen hatte, die am 19.Dezember zu Ende gegangen war. Zuletzt erreichten die Raketen erstmals auch das etwas entfernter gelegene Städtchen Netivot. Dort überfiel die Bevölkerung nun die Angst, dass künftig auch sie vor solchen Angriffen auf die eigenen vier Wände nicht mehr sicher sein könnten.

Seit insgesamt acht Jahren sind die israelischen Ortschaften und Kibbuzzim in der Nähe des Gazastreifens schon dem Raketenhagel ausgesetzt. Dass eine Militäroperation überhaupt so lange auf sich warten ließ, erklärt die Menschen sich dort mit ihrer Randlage. "Wäre Tel Aviv betroffen", glauben viele, "hätte das politische und militärische Establishment nicht so lange mit einem massiven Gegenangriff gewartet".

Dass es am Samstag nun doch zu einem so heftigen Gegenschlag kam, markiert eine Wende im Denken der israelischen Führung, die bisher aus verschiedenen Gründen für militärische Zurückhaltung plädiert hatte. Denn jedem war klar, dass selbst Präzisionsangriffe aus der Luft auf die Terror-Infrastuktur in Gaza, den Tod unschuldiger Palästinenser mit verursachen würden. Zudem nahm man Rücksicht auf Gilat Shalit, dem von der Hamas entführten israelischen Soldaten, der sich im Gazastreifen befindet.

Was die Führung aber bisher vor allem von einer umfassenden Militäroperation abgehalten haben mag, war auch die komplizierte Frage nach dem danach. Denn eines ist klar: Israel will seine Bevölkerung vor Raketenangriffen schützen, aber den Gazastreifen nicht dauerhaft wiederbesetzen. Es gehe darum, "eine neue Sicherheitsrealität" für die bedrohte israelische Bevölkerung zu schaffen.