Ironie der Geschichte: Gerade in dem Jahr, als sich die ins Reich der Mythen erhobene 68er-Studentenrevolte zum 40. Mal jährt, entstand die neue, junge italienische Protestbewegung wie Phönix aus der Asche. Neue Welle nennt sie sich selbstbewusst und wehrt sich gegen Stellenabbau und soziale Kürzungen. Die Bewegung betont zwar immer, überparteilich zu sein. De facto sind die Studenten jedoch jenem Mitte-Links-Lager zugehörig, das sich als Opposition zur Berlusconi-Regierung versteht.

Die Proteste der Neuen Welle sind massiv. Die Bewegung schreckt nicht einmal davor zurück, die Bannmeile um den italienischen Senat oder die Abgeordnetenkammer zu brechen. Wie im Oktober und November mehrmals geschehen. Die protestierenden Mailänder Studenten organisierten gar einen Marsch auf Rom, an dem 100.000 Studenten teilnahmen.

1968 bildeten Arbeiterschaft und Studenten eine geschlossene Front. Heute ist die Situation ähnlich: Die Studenten und Oberschüler marschieren Seite an Seite mit den "precari", dem Millionenheer der Leih- und Zeitarbeiter, also jenen Arbeitnehmern, die durch die Wirtschaftskrise und Kürzungen der Regierung um ihre prekären Stellen fürchten. Und auch die Lehrer und Eltern der Studenten gehen mit auf die Straße.

Anlässe gibt es genug. 15 Prozent der italienischen Bevölkerung schaffen es mit ihrer Rente oder dem kläglichen Einkommen nicht bis ans Monatsende. Fünf Prozent haben gar kein Geld, um Lebensmittel zu kaufen. Das sind Daten des nationalen Statistikamtes. Dabei sollte man wissen, dass es in Italien für diejenigen weder Sozialhilfe noch Arbeitslosengeld gibt, die nicht eine Mindestzahl von Tagen gearbeitet haben. Die Familie muss in Notsituationen in die Bresche springen, um die Betroffenen sozial nicht vollends abgleiten zu lassen.

Um Milliarden kürzen wollte die Regierung Berlusconi beispielsweise den Schul- und Universitätsetat. Damit keine Proteste aufkommen, hatte sie das raffiniert eingefädelt. Die Einsparungen wurden in ein Dekret verpackt, das die Regierung im Juli diese Jahres erließ. Zu jener Zeit also, in der sich das Land normalerweise am Meer tummelt und keinen Gedanken an die Politik verschwendet.

Erst im September schwante den meisten das wahre Ausmaß der Kürzungen: ein Abbau von 130.000 Stellen allein im Schulwesen und die Streichung einer ähnlich großen Zahl von Zeitverträgen an den Universitäten und in der Forschung. Rund 1,2 Milliarden Euro will die Regierung bis 2012 allein in der Forschung einsparen, die ohnehin wie ein Stiefkind behandelt wird. Gerade jedoch als das Regierungsdekret vom Parlament in ein ordentliches Gesetz umgewandelt werden sollte, explodierte der massive Protest – von Mailand bis Palermo. Versuche des Staatsschutzes, die Protestwelle in Misskredit zu bringen, liefen ins Leere.